In verschiedenen Ländern sind Menschen vermehrt auf die Straßen gegangen, um gegen ihre Regierungen zu protestieren. Diese Entwicklungen haben den Osteuropa-Experten Florian Bieber dazu veranlasst, sich mit den potenziellen Auswirkungen solcher Bewegungen auseinanderzusetzen. Professor für Südosteuropastudien an der Universität Graz und Leiter des dortigen Zentrums für Südosteuropastudien, hat er die Furcht von Autokraten untersucht.
SRF News fragte Florian Bieber, was Autokraten am meisten beunruhigt. Er antwortete, dass sie sich Sorgen machen, wenn die Bürgerinnen und Bürger sich gegen ihre Herrschaft stellen und politische Äußerungen treffen. Autokraten rechnen in der Regel mit einer passiven Bevölkerung oder versuchen zumindest jene Teile zu neutralisieren, die sie nicht unterstützen. Sie fördern die Polarisierung, um eigene Wähler zu sichern. Sobald dieses System ins Wanken gerät, wird ihnen bange.
Florian Bieber merkt an, dass der Erfolg von Protesten oft von ihrer Reichweite abhängt. Beispielsweise brachten in Belgrad 350’000 Menschen die Regierung unter Druck, was fast fünf Prozent der Bevölkerung entsprach. Eine Gefahr für Autokratien entsteht, wenn Proteste auch diejenigen erreichen, die bisher das Regime unterstützten.
Seit 2023 finden in Serbien regelmäßige Massenproteste statt, ausgelöst durch schwere Gewalttaten. Der Unmut richtet sich gegen Aleksandar Vucic und seine Politik bezüglich Medienkontrolle und Korruption. Diese Bewegungen werden hauptsächlich von Bürgerinitiativen getragen und verlaufen friedlich.
Autokratische Regime, wie die von Viktor Orban oder Aleksandar Vucic, versuchen Proteste zunächst nicht zu unterdrücken, da eine brutale Niederschlagung den Widerstand verstärken könnte. Wenn die Bewegungen jedoch bedrohlich werden, setzen sie auf verschiedene Methoden, um diese auszubremsen, ohne ihre demokratische Fassade zu verlieren.
Bieber betont in seinem Buch, dass eine breite gesellschaftliche Mobilisierung entscheidend ist. In Serbien haben Studierende versucht, sich mit anderen Bevölkerungsgruppen zu solidarisieren und positive Botschaften zu verbreiten. Allerdings habe die EU bisher keine klaren Signale der Unterstützung gegeben, was entmutigend wirke.
Das Interview wurde von Iwana Pribakovic geführt im Rahmen des Rendez-vous am 5. Mai 2026 um 12:30 Uhr.