China verfolgt ein Innovationsmodell, das als intelligentes Autokratie-System beschrieben werden kann und in dem selektive Freiheiten gewährt werden. Die Kommunistische Partei erlaubt notwendige Freiheitsräume für die Wissenschaft, während sie die politische Kontrolle behält.
Ein kürzlich veröffentlichter Leitartikel beschrieb Chinas technologische Führerschaft als eine “Fata Morgana” und lehnte sie rundheraus ab. Dies steht jedoch im Gegensatz zu verschiedenen Technologie- und Innovations-Surveys, die das Gegenteil belegen.
Beispielsweise berichtete das Australian Strategic Policy Institute (Aspi) 2025 in seinem Critical Technology Tracker, dass China bis 2023 die Weltführung in 57 von 64 kritischen Technologiebereichen übernommen hat. Zu diesen Bereichen zählen Quantensensoren, Hochleistungsrechner und militärische Spitzentechnologien wie Drohnen und Radargeräte.
Der erwähnte Leitartikel behauptet, dass disruptive Innovationen nur in einem freien System möglich seien. China sei aufgrund seines autoritären Systems dazu nicht fähig. Doch politische Freiheitsrechte im liberalen Sinne sind keine zwingende Bedingung für wissenschaftliche Kreativität und technologischen Fortschritt.
In China gibt es ein Modell der selektiven Freiheiten, das sich über ganze Wertschöpfungsketten erstreckt. Im akademischen Betrieb werden in abgegrenzten Bereichen die intellektuelle Bereitschaft zur kritischen Hinterfragung eigener Überzeugungen und Offenheit gegenüber neuen Informationen toleriert. Politischer Dissens wird jedoch überwacht und unterbunden. Dies bedeutet praktische Autonomie in Natur- und Ingenieurwissenschaften, während ideologische Kontrolle in politisch heiklen Bereichen wie den Sozialwissenschaften strikt ist.
Eine dynamische Startup-Szene sowie private, forschungsintensive Großkonzerne genießen Freiheiten unter der Bedingung, dass sie politisch loyal bleiben und die strategischen Ziele der Partei unterstützen. Gleichzeitig steuert die Partei Ressourcen missionorientiert in Schlüsseltechnologien wie KI, Halbleitern und Batterien.
Innovation wird als nationaler Aufstieg und kollektive Modernisierung verstanden, was eine starke Motivationsbindung zur Nation und der Partei schafft. Diese Freiheitsaufteilung wird durch institutionalisierte Präsenz der Partei in Universitäten und Unternehmen stabilisiert. Es existieren nicht kodifizierte “rote Linien”, die subtil überwacht werden.
Dieses Modell ist ein adaptives Steuerungsregime, bei dem Freiheiten politisch widerrufbar sind. Die Grenzen können je nach technologischen oder geopolitischen Entwicklungen angepasst werden. Für die Zukunft wird es entscheidend sein, wie China seine selektiven Freiheiten unter Sicherheitsüberlegungen handhabt.
China ist nicht nur ein Technologie-“Optimierer”, sondern kann auch disruptiv innovieren, besonders in strategisch priorisierten Bereichen. Limitierende Faktoren sind normative Implikationen und mangelnde rechtliche Garantien für Freiheiten, die zu Selbstzensur führen können.
China verwendet kein totalitäres Mikromanagement, sondern eine langfristig angelegte Verhaltenslenkung durch politische Steuerung. Dieses strategische soziale Ingenieurwesen sollte nicht unterschätzt werden. China ist sehr leistungsfähig in Spitzentechnologien, solange die technische Autonomie erhalten bleibt und Loyalitätsanforderungen Kreativität nicht systematisch einschränken.
Beat Hotz-Härti, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich und ehemaliger Vizedirektor im Bundesamt für Berufsbildung und Technologie.