Die charakteristische Expressivität des Malers, erkennbar an der emotionalen Intensität und harten Realistik, ist auch in einer Kopie eines seiner möglicherweise bedeutendsten Werke zu sehen. Über das Geburtsjahr um 1480, die Herkunft aus Würzburg oder den genauen Todestag am vermuteten 1. September 2028 herrscht Unklarheit. Der Künstler war auch unter den Namen Neidhart oder Gotthart bekannt, mit Vornamen Mathis oder Matthias. Dennoch wird er als einer der größten Maler in der Geschichte der westlichen Kunst gefeiert.
Sogar Picasso und Matisse schätzten seine Arbeit, und Künstler wie Beuys oder Baselitz sowie Regisseure wie Werner Herzog lobten ihn. Auch Jean-Paul Sartre und Paul Hindemith gehörten zu seinen Bewunderern. Sein Meisterwerk, der Isenheimer Altar für ein Elsässisches Krankenhaus geschaffen, ist heute im Unterlinden-Museum in Colmar ausgestellt.
Aber könnte es ein Werk geben, das noch überwältigender ist als der Altar? Die ‘Magdalenenklage’ wäre es womöglich. Dieses verlorene Original lässt sich nur durch eine Kopie erahnen, die kurz nach 1900 auftauchte und nur als solche existiert. Sie zeigt Grünewalds unverkennbare Handschrift.
Max Wingenroth, ein Kunsthistoriker aus Karlsruhe, entdeckte in einer Schwarzwälder Kapelle ein Bild, das er mit Grünewald verband. Heinrich Feurstein, ein katholischer Pfarrer und Leiter der Fürstlich Fürstenbergischen Gemäldegalerie, untersuchte dieses Phänomen ab 1920. Er datierte die Kopie auf 1648 und schrieb sie einem Maler namens Christoph Krafft zu, der das Original vermutlich im Auftrag des Benediktinerabtes von St. Blasien anfertigte.
Die Forschung einig sich darauf, dass nur Grünewald dieses Werk hätte erschaffen können. Die Kopie zeigt eine verzweifelte Maria Magdalena und einen ungewöhnlich dargestellten, seitlich am Kreuz hängenden Jesus Christus. Diese Darstellung ist einmalig für die Epoche.
Die Kopie befindet sich heute in einer Johanniterkirche in Schwäbisch Hall nach ihrer Ankunft durch Reinhold Würth im Jahr 2008. Die Suche nach dem Original führt von den Schätzen des Klosters St. Blasien, die 1809 ins Ausland gingen, bis zum Verbleib der ‘Magdalenenklage’, deren Geschichte mit einem entwendeten Bild und einer jahrhundertelangen Reise beginnt.
Die Hauptfrage bleibt unbeantwortet: Wo ist das Original? Wurde es zerstört oder übersehen? Die Vermutung liegt nahe, dass es im Elsass angefertigt wurde. Dokumente fehlen jedoch, und selbst die Technologie konnte während der Ausstellung 2007 keine konkreten Hinweise liefern.
Trotz aller Ungewissheiten bleibt Hoffnung bestehen: Vielleicht sind Teile des Originals noch existent und nur übersehen worden. Die Geschichte von Werken anderer großer Künstler wie Caravaggio oder Van Dyck, die plötzlich wieder auftauchten, gibt Anlass zur Zuversicht. Wolfgang Minaty, ein erfahrener Publizist und Grünewald-Experte, bleibt optimistisch.