Die Behandlung der russischen Minderheit in Lettland und Estland sorgt weiterhin für Spannungen. Doch das eigentliche Problem liegt nicht im baltischen Nationalismus, sondern im russischen Einfluss. In den westlichen Teilen Tallinns gibt es einen langen Strand, an dem viele Russen zu finden sind – ein Grund, warum einige Esten ihn meiden, wie eine Bekannte erzählte. Die Beziehung zwischen Russen und Balten ist zerrüttet: Drei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion bleibt die Versöhnung aus. In beiden Ländern stellen Russen ein Fünftel der Bevölkerung, werden aber oft als Fremde oder Besatzer gesehen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben die Misstrauen zwischen den Gruppen neue Formen angenommen: Estland und Lettland verbieten russischsprachigen Unterricht in Schulen, deportieren russische Staatsbürger ohne Sprachkenntnisse und entziehen Nicht-Einwohnern das Wahlrecht. Solche Maßnahmen sollten die Gesellschaft zusammenbringen, tun es aber nicht. Kremlchef Wladimir Putin bezeichnet das Vorgehen als „schweinisch“, sein Außenminister Sergei Lawrow spricht gar von Apartheid. Diese Darstellung wird auch international aufgegriffen, doch dabei übersieht man historische und aktuelle Zusammenhänge. Die baltischen Regierungen hätten früher eingreifen müssen. Die Integration erfordert eine gemeinsame Sprache – nicht Russisch. Der Ausschluss einiger älterer russischer Bewohner löst das Problem der Segregation nicht, ebenso wenig wie höhere Steuersätze für russische Bücher oder Strafen für Restaurants mit russischen Speisekarten. Die Politik ist nicht nur unklug, sondern auch gefährlich. Die Frage sollte lauten: Warum die radikale Politik? Während der sowjetischen Besetzung in den 1940er Jahren versuchte Stalin, das Baltikum zu russifizieren, was eine massive Umsiedlung von Menschen nach sich zog. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion änderte sich die Gesellschaftsstruktur plötzlich: Nur Einwohner vor 1940 und deren Kinder erhielten Staatsbürgerschaften. Dies führte zu einer Zweiklassengesellschaft. Nicht baltischer, sondern russischer Nationalismus ist das Problem. Als Russland 2022 in die Ukraine einfiel, blieb die Reaktion der russischen Minderheit aus. Viele halten am imperialistischen Denken fest, was durch verbotene Medien weiterhin propagiert wird. Die Idee des „Russki mir“ spielt eine Rolle – eine gemeinsame russische Identität über Grenzen hinweg, die von Putin politisch genutzt wird. Andere Länder wie Ungarn oder Deutschland kennen ähnliche Probleme mit externer Einflussnahme auf Minderheiten, aber es gibt Unterschiede. Für Estland und Lettland bleibt keine Zeit, um ihre russische Bevölkerung zu integrieren, anders als Deutschland bei seiner türkischen Gemeinschaft. Die baltischen Staaten sehen sich mit dem Schatten Putins konfrontiert, während westliche Geheimdienste einen baldigen neuen russischen Angriff befürchten. Eine Schulreform in Estland zeigt erste Ergebnisse: Viele russischstämmige Kinder erreichen das geforderte Sprachniveau nicht. Diese Reformen sind notwendig, aber fehlgeleitet und zu schnell umgesetzt. Die Regierungen müssen diese Herausforderung ernst nehmen. Jüngere Generationen denken anders: Sie kritisieren Russlands Kriegshandlungen und sehen ihre Zukunft in Europa. Der Schlüssel liegt im Abbau der Segregation durch Bildungsreformen. Eine echte Aufarbeitung könnte nun beginnen, aber sowohl Minderheit als auch Balten müssen ihren Groll überwinden.