Elon Musk gilt vielen als faszinierender Visionär. Der Historiker Quinn Slobodian jedoch sieht ihn als Repräsentanten eines neuen Weltbildes mit weitreichenden politischen Folgen.
Als Professor für Internationale Geschichte an der Boston University wird Slobodian im britischen Magazin “Prospect” 2024 unter die Top-25-Denker weltweit gewählt. Zu seinen Werken gehören “Muskismus” (Suhrkamp 2026), “Hayek’s Bastards” (Princeton University Press 2025), sowie “Kapitalismus ohne Demokratie” und “Globalisten” (beide Suhrkamp, 2023).
SRF: Welches Interesse weckt Elon Musk bei Ihnen als Historiker?
Quinn Slobodian: Um die jüngste Vergangenheit des frühen 21. Jahrhunderts zu verstehen, erscheint Musk als ein zentraler Akteur in einer Zeit des Wandels.
Musk wird oft mit Tesla, X und SpaceX assoziiert. Welche Rolle spielt er im 21. Jahrhundert?
Slobodian betont zusammen mit Co-Autor Ben Tarnoff, dass Musk nicht nur als Einzelgänger oder Genie zu sehen ist. Vielmehr sei es seine Fähigkeit, sich Veränderungen des Zeitgeistes zunutze zu machen.
Quinn Slobodian, Ben Tarnoff: “Muskismus: Aufstieg und Herrschaft eines Technoking”. Übersetzt von Stephan Gebauer. Suhrkamp, 2026.
Er konnte Investoren immer wieder überzeugend von der nächsten Technologiegeneration erzählen und neue Marktnischen wie Erdnahorbit-Satelliten oder den Elektrofahrzeuggeschäft schaffen – Bereiche, die zuvor kaum existierten.
In Ihrem Buch sprechen Sie von “Muskismus” als einem neuen Weltverständnis. Welche Auswirkungen hat dies für uns?
Viele glauben, sich den Einflüssen großer Tech-Konzerne durch einfache Maßnahmen wie das Löschen eines Facebook-Accounts oder dem Verzicht auf einen Tesla entziehen zu können.
Dies sei jedoch nicht so einfach. Apple und Meta übersteigen an Marktwert die gesamte deutsche Börse, während 30 Prozent der US-Bürger über Pensions- und Indexfonds in Tesla-Aktien investiert sind. Musk kontrolliert zudem etwa 70 Prozent aller Satelliten im All.
Im Buch wird erläutert, dass sich Musk mit staatlicher Unterstützung Monopolstellungen sichern konnte. Im Jahr 2025 führte SpaceX etwa 95 Prozent der US-Raketenstarts und über die Hälfte der weltweiten Raketenstarts durch.
Musk sieht dies nur als Anfang seiner Dominanz im Weltraum. Er besitzt aktuell rund 10.000 Starlink-Satelliten in Erdnähe und beantragte zuletzt einen Start von einer Million weiteren Satelliten.
Wie wir gesehen haben, kann Musk sogar über Kriegsverläufe entscheiden, wie im Fall der Ukraine oder bezüglich Russland.
Normalerweise erfolgen solche Entscheidungen in Befehlsketten mit Bezug auf eine repräsentative Regierung. Bei der Offensive in Cherson war es jedoch Musks persönliche Entscheidung, die für die Ukraine wichtige Starlink-Verbindung zu unterbrechen.
Wo strebt Musk zukünftig hin?
Für ihn ist das Ziel die Verschmelzung von Mensch und Maschine; er glaubt an eine vollständig digitale Existenz. Er kämpfe um die Kontrolle des Codes, da dies die Kontrolle über die Zukunft bedeute.
Dieses Szenario beunruhigt mich, doch ich hoffe, dass Musk dieses Mal zu weit geht und seine Versprechen nicht einlöst.
Das Gespräch führte Olivia Röllin. Dies ist eine gekürzte Fassung der Sendung “Sternstunde Philosophie” vom 29.3.2026.