Evi geht zur Tür und begrüßt ihren Kunden. “Ich komme gleich wieder”, ruft sie, bevor sie verschwindet. Nach etwa 50 Minuten bereitet sie sich erneut vor: Sie wechselt die Laken, duscht und ist für den nächsten Gast bereit.
“Es ist eigentlich deprimierend”, gibt Evi zu. “Bett anziehen, Bett abziehen – als würde man in einer Endlosschleife gefangen sein.”
Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet Evi im Sexgewerbe. Meist war sie in Studios angestellt und musste dort 40 Prozent ihres Verdienstes an die Betreiber abgeben. Manchmal empfing sie bis zu 30 Kunden pro Tag, ohne ihre Grenzen wahrzunehmen, was gesundheitliche Folgen hatte: zweimal brach sie sich das Steißbein und einmal die Leiste.
Inzwischen ist Evi selbstständig geworden. In ihrem eigenen Studio empfängt sie vor allem Stammkunden. Nach jedem Besuch duscht sie, und das Studio wird gereinigt, um den Anschein zu erwecken, dass niemand sonst hier war. Diese festen Abläufe geben ihr Sicherheit.
“Sex ist für mich normal”, sagt Evi offen über ihren Beruf. “Jeder hat Sex.” Die meisten ihrer Kunden behandelt sie gut; einige bringen sogar Geschenke wie Schokolade oder kleine Plüschtiere mit.
Wenn ein Mann ihre Bedingungen nicht akzeptiert, lehnt sie ihn ab. Sie nimmt keine Kondome und bestimmte Praktiken nicht an. Viele Anfragen werden so ausgeschlossen, sodass nur wenige Kunden übrig bleiben.
Die Arbeit ist körperlich anspruchsvoll, doch Evi arbeitet bewusst weniger als früher: “Maximal vier Kunden am Tag.” Der Körper setzt Grenzen.
Evi spricht offen über ihre Vergangenheit: Als Kind wurde sie von ihrem Großvater missbraucht. Er begann mit dem Missbrauch, als sie acht war und gab ihr schließlich Geld dafür. “Ich kaufte mir dann Kaugummis”, erinnert sich Evi.
Ihre Geschichte zeigt auch, dass viele Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt werden. Eine Studie aus 2012 ergab, dass etwa jedes siebte Kind in der Schweiz betroffen ist. Die Dunkelziffer liegt jedoch weit höher als die offiziellen Meldungen.
Kinder können solche Erfahrungen oft nicht benennen und fühlen sich schuldig oder ängstlich. Erst später können sie die Ereignisse einordnen. Geld oder Aufmerksamkeit sind typische Strategien von Tätern, um Kinder zu manipulieren.
Evi ist seit sechs Jahren verheiratet und lebt mit ihrem Partner Tom. Ihre Arbeit finanziert den größten Teil des gemeinsamen Einkommens, was für Tom kein Problem darstellt: “Ich bin nicht eifersüchtig.” Dennoch beeinflussen die Spätfolgen des Missbrauchs ihr Leben.
Evi hat Schwierigkeiten zu vertrauen und wurde oft ausgenutzt. Sie betont jedoch, dass sie inzwischen gelernt habe. Trotz ihrer Vergangenheit ist Sexualität ein zentraler Bestandteil ihres Lebens.
Sie pflegt noch Kontakt zur Stiefmutter, die ihr glaubte und sie im Heim besuchte. Ihre leibliche Mutter starb, als Evi vier Jahre alt war. Eine Therapie kommt für Evi nicht infrage, da sie Vertrauen in solchen Settings nicht aufbauen kann.
Evi hat gelernt, ihr Erlebtes zu verarbeiten und strategisch damit umzugehen. “Passiert ist passiert”, sagt sie. “Es ist einfach noch mein Kopf und ich.”