Matthias Nawrats neuer Roman “Das glückliche Schicksal” verfolgt das Leben eines Menschen, der zwischen politischer Unterdrückung und wissenschaftlicher Rationalität steht. Die Hauptfigur, Henryk Michajlowicz Mrugalski, ist ein Philosoph und Sozialwissenschafter, der in einem anonymen Wohnblock im hässlichsten Teil Venedigs lebt – ähnlich solchen Blocks in seiner alten Heimat Polen. Eine junge Dozentin aus Krakau namens Wanda Karłowska bricht bürokratische Hindernisse durch, um ihn zu interviewen. Es ist das Jahr 1983: Polen befindet sich im Kriegsrecht nach dem verbotenen Streik in der Danziger Lenin-Werft und den Aufrufen von Lech Wałęsa.
Nawrat webt eine komplexe Erzählung, die verschiedene Zeitebenen durchquert. Neben Wandas Reise im Jahr 1983 gibt es Szenen aus den Jahren davor, als das polnische akademische Milieu von Repression gezeichnet war und gleichzeitig der Aufbruch durch Solidarność spürbar wurde.
Henryk Mrugalski hatte bereits in seiner Jugend politischen Druck erlebt. 1940 verhafteten ihn die Sowjets im besetzten Polen wegen staatsfeindlicher Aktivitäten und verschleppten ihn in ein Lager im Ural. Nawrat beschreibt auf Basis von historischer Literatur wie Nadeschda Mandelstam, Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn die Mechanismen der Entmenschlichung. Die Gefangenen mussten im eisigen Winter Holz fällen und kämpften um geringe Brotrationen, was den Kampf zwischen Moral und Überleben verdeutlicht.
Nawrat stellt subtil Fragen zur Solidarität und individuellen Würde. Durch die Parallelen in Leben von Mrugalski und der jungen Dozentin wird das Thema untersucht: Der Punkt, an dem Solidarität zugunsten des Eigeninteresses aufgegeben wird. Wanda erforscht den Bystander-Effekt, bei dem Verbrechensopfern weniger geholfen wird, je mehr Zeugen es gibt.
Geboren 1979 und in Deutschland aufgewachsen, kennt Nawrat die Atmosphäre der letzten kommunistischen Jahre Polens. Sein Roman hinterfragt nicht nur den Kalten Krieg, sondern auch Mrugalskis moralische Ambiguitäten, wie etwa seine Arbeit in der Stadtverwaltung von Krakau nach dem Krieg.
In den fünfziger Jahren emigriert er nach London und erforscht menschliches Verhalten mit mathematischen Modellen. In Kalifornien treffen sich dort renommierte Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, die das Zeitalter der nüchternen Zweckmäßigkeit einläuten.
Die Kollegin Linda Berger, eine Emigrantin aus Deutschland, behauptet: «Theologie oder Politik können uns nicht helfen, da sie den Menschen als moralisch verantwortliches Subjekt sehen. Mathematik jedoch kann menschliches Verhalten beschreiben.» Mrugalski reagiert halb zustimmend, bleibt aber skeptisch: «Müssen wir das noch einmal berechnen?”
Matthias Nawrat: Das glückliche Schicksal. Roman. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2026. 272 S., Fr. 35.90.