Der Roman «Oroppa» von der niederländisch-marokkanischen Autorin Safae el Khannoussi, die 31 Jahre alt ist, hat bei seiner Veröffentlichung in den Niederlanden für Furore gesorgt. Er erreichte prompt einen Spitzenplatz auf der Bestsellerliste und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Der Roman zeichnet sich durch seine komplexe Handlung und die kunstvoll verflochtenen Geschichten aus, die beim Leser den Wunsch wecken, ihn gleich noch einmal von vorne zu beginnen.
In «Oroppa» wird das Leben der jüdisch-marokkanischen Künstlerin Salomé Abergel geschildert, die nach ihrem plötzlichen Verschwinden im Zenit ihres Erfolgs von ihrer Galeristin in Amsterdam bis nach Tunesien gesucht wird. Doch diese Erzählung ist nur ein Teil des vielschichtigen Romans, der auch den Alltag eines marokkanischen Einwanderers beleuchtet, der in Amsterdam scheitert und zum Alkoholiker wird. Zudem werden die Aktivitäten einer linksradikalen Gruppe porträtiert, die als «sieben Schläfer» bezeichnet wird und sich in heruntergekommenen Coffee-Shops trifft.
Die Erzählung umfasst auch das Leben eines bisexuellen Amsterdamer Literaturprofessors, der während der deutschen Besetzung mit den Nazis kollaborierte, um danach als deren Gegner aufzutreten. Weiterhin wird die Geschichte von Salomé Abergels Sohn erzählt, der in Paris eine Bar betreibt und sich in eine rücksichtslose Unbekannte verliebt, bis er seiner Mutter einen folgenschweren Gefallen tun muss.
Diese Geschichten entwickeln sich zu einer verworrenen Erzählung, die zwischen Amsterdam, Tunis, Kairo, Casablanca und Paris oszilliert. Die Sprache des Romans, die von Stefanie Ochel ins Deutsche übertragen wurde, reicht von liebevoll verschroben bis hin zu einem beissenden Spott und einer plastischen Beschreibung der Schauplätze.
El Khannoussi versteckt Anspielungen auf Werke westlicher Philosophie sowie Bezüge zur Literatur des Nahen Ostens. Sie vergleicht die Aufstände des Arabischen Frühlings mit den Unterdrückungsmaßnahmen in Marokkan unter König Hassan II. Obwohl sie von einigen Kritikern mit Roberto Bolaño verglichen wurde, ähnelt sie eher dem senegalesischen Autor Mohamed Mbougar Sarr.
Die Figuren in «Oroppa» sind Gestrandete aus Nordafrika, die versuchen, sich im alten Kontinent neu zu etablieren. Ihre Lebensgeschichten als linke Dissidentinnen oder einfache Polizisten kreuzen sich Jahrzehnte später in den europäischen Metropolen.
Der Roman vermittelt das Bild von Europa nicht nur als Sehnsuchtsort, sondern auch als ein Kontinent voller Ungewissheit und politischer Ursprünge vieler Katastrophen. Safae el Khannoussi, die 1994 in Tanger geboren wurde und mit vier Jahren nach Amsterdam zog, schrieb den Roman während ihrer Doktorarbeit in Politischer Philosophie. Ihr Debütroman ist ohne Zweifel ein literarischer Meilenstein.