In ihrem Leben erkranken Menschen schätzungsweise dreihundert Mal. Das Immunsystem dient als Schutzschild gegen die Vielzahl von Viren und Bakterien in unserer Umwelt. Mit zunehmendem Alter lässt jedoch diese Abwehr nach, was während der Corona-Pandemie deutlich wurde: 80 Prozent der Covid-Toten waren älter als sechzig Jahre.
Ein effektives Immunsystem ist ein zentraler Faktor für Langlebigkeit und steht in enger Verbindung mit dem gesamten Körper. Es schützt nicht nur vor Infektionen, sondern auch vor Krebs, Demenz und Herzkrankheiten. In diesem fünften Teil unserer Gesundheitsserie “Früh erkennen – gesund altern” erfahren Sie mehr über den altersbedingten Abbau des Immunsystems und relevante Untersuchungen.
Anzeichen einer Schwäche des Immunsystems sind unter anderem die Gürtelrose: Beginnend mit einem leichten Kribbeln entwickelt sie sich zu schmerzhaften, roten Streifen auf der Haut. Diese Erkrankung tritt häufig bei Menschen über sechzig Jahren auf und ist eine direkte Folge eines geschwächten Immunsystems.
Das dahinterliegende Virus, das die Windpocken verursacht, bleibt jahrelang inaktiv im Körper, bis es sich erneut manifestiert. Dieses Phänomen ist bei etwa einem Drittel der Menschen während ihres Lebens zu beobachten. Schwächere Immunabwehr führt auch dazu, dass Atemwegserkrankungen häufiger und schwerwiegender werden, wobei eine einfache Erkältung in ernsthafte Lungenentzündungen umschlagen kann.
Im Alter reagieren Impfungen weniger effektiv. So benötigen ältere Menschen beispielsweise viermal höhere Dosen einer Grippeimpfung als jüngere, um den gleichen Schutz zu erzielen. Ebenso steigt das Risiko für Krebs mit schwächerem Immunsystem, da die Fähigkeit zur Erkennung und Eliminierung krebsartiger Zellen nachlässt.
Ironischerweise können sowohl Unterfunktionen als auch Überreaktionen des Immunsystems im Alter auftreten. Chronische leichte Entzündungen sind in vielen älteren Menschen vorhanden und stellen ein Risiko für Herzerkrankungen dar, ähnlich wie hohe Cholesterinwerte. Solche Entzündungsprozesse können auch das Auftreten von Demenz begünstigen.
Jakob Nilsson, Direktor der Klinik für Immunologie am Unispital Zürich, betont: “Wenn das Immunsystem nicht mehr fit ist, dann sterben wir.” Besonders die Altersveränderungen bei den T-Zellen – einer Gruppe von weißen Blutkörperchen – sind bemerkenswert. Diese verfügen über eine Vielzahl an Antikörpern gegen spezifische Erreger. Ihre Veränderung wird stark durch frühere Infektionen beeinflusst, besonders durch langanhaltende Viren wie das Varizella-Zoster-Virus und das Zytomegalie-Virus (CMV), welches bei vielen Menschen asymptomatisch bleibt.
Darüber hinaus sind leichte Entzündungen im Körper bei älteren Menschen häufig, aber nicht unvermeidbar. Faktoren wie Übergewicht, Rauchen und Stress verstärken diese Entzündungstendenzen, während ein gesunder Lebensstil sie reduziert.
Eine regelmäßige Erkältungsanfälligkeit ist normal; jedoch deuten mehrere Lungenentzündungen pro Jahr oder häufiger Antibiotikaeinsatz auf eine mögliche Immunschwäche hin. Jakob Nilsson empfiehlt in solchen Fällen eine Überprüfung des Immunstatus.
Blutuntersuchungen können den Zustand verschiedener Immunsystemkomponenten offenlegen. Ein Blutbild liefert Informationen über die Zahl der weißen Blutkörperchen, und ein Differenzialblutbild bietet weitere Details zu Lymphozyten und anderen Zelltypen. Laboranalysen ermöglichen eine genauere Unterscheidung der Lymphozytenarten sowie das Verhältnis von naiven zu Gedächtniszellen.
Funktionstests bieten tiefergehende Einblicke in die Funktionsfähigkeit dieser Zellen. Sie messen, wie stark und schnell sie auf Erreger reagieren. Chronische Entzündungen können durch den CRP-Wert erkannt werden, wobei mehrere Messungen nötig sind, um eine dauerhafte Erhöhung festzustellen.
Sind Immunschwächen identifiziert, sind die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt. Jakob Nilsson rät: “Wir haben extrem wenig Mittel zur Stärkung des Immunsystems.” Präventive Maßnahmen wie das Meiden von Infektionsquellen, regelmäßiges Händewaschen und Masken tragen zur Vorbeugung bei. Gesunde Ernährung sowie ausreichend Schlaf unterstützen die Immunabwehr, ebenso wie empfohlene Impfungen für ältere Menschen.