Aline Valangins erstes Lebenskapitel war die einer Tochter in einem turbulenten Verhältnis, wie es im neu aufgelegten Werk «Mutter» dargelegt wird. Auf rund hundert Seiten analysiert sie nach dem Tod ihrer Mutter diese zerrüttete Beziehung als eine von Machtliebe geprägte Bindung mit soziologischen Untertönen.
Zu jener Zeit war es für Frauen in gutbürgerlichen Verhältnissen oft der Ehemann, durch den sie sich verwirklichen konnten. Aline Valangins Grossvater väterlicherseits, der Friedensnobelpreisträger Élie Ducommun, war ein Mann von Welt und hätte die Mutter bevorzugt geheiratet, wenn es möglich gewesen wäre. Sie entschied sich jedoch für Jules Ducommun, einen naturwissenschaftlich orientierten Ehemann ohne Interesse an gesellschaftlichen Vergnügungen.
Die Ehe entpuppte sich bald als Fiasko, und das Kind Aline sollte den Mann ersetzen. Ihr Leben war von früh an von Hysterie und Rollentausch geprägt. Mit 15 Jahren wagte sie einen Befreiungsschritt: Trotz des Widerstands ihrer Mutter studierte sie Klavier am Konservatorium in Lausanne.
In Lausanne knüpfte Valangin schnell Kontakte und genoss ein neues Leben voller Sport, Bergsteigen, zahlreicher Verehrer und erster sexueller Erfahrungen. Sie fand diesen jedoch enttäuschend: «Es war nicht beglückend, eher ernüchternd, denn das Gestöhne des Freundes fand ich überflüssig und geschmacklos. Ich blieb kühl.»
Valangins Art, von ihrem Leben zu berichten, ist nüchtern und packend. Sie musste immer wieder neu beginnen: Ein Haushaltsunfall beendete ihre Karriere als Konzertpianistin, ein Sexskandal um ihren Lehranalytiker gefährdete ihre Psychoanalyseausbildung und ein antisemitischer Prozess zerstörte kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ihre Beziehung zu Wladimir Rosenbaum.
In den 1920er Jahren führte sie in Zürich einen Salon, der Treffpunkt einer internationalen Kulturszene war. Sie hatte eine offene Ehe mit Rosenbaum vereinbart und pflegte intensive Freundschaften, etwa zu James Joyce sowie Sophie Taeuber und Hans Arp.
«Arp war über die Massen amüsant. Er war so schön verrückt: Im Alltag ebenso wie in seinen Gedichten! Wunderschöne Texte mit Sinn im Unsinn oder Unsinn im Sinn, geprägt von einer neuen Leichtigkeit des Denkens und der Sprache.»
Nach dem Krieg zog sich Valangin ins Onsernone-Tal zurück, nachdem sie ihren Mann wegen Antisemitismus vor Gericht hatte stellen müssen. Dort beherbergte sie Flüchtlinge wie Ernst Toller oder Kurt Tucholsky und begann mit über fünfzig Jahren zu schreiben. Ihre Werke, eine Mischung aus Reportage und magischem Realismus, beschrieben den Alltag der armen Bevölkerung des Tals und gelten als intensive Romane und Erzählungen.