Nachdem Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetische Kontrolle fiel, kam es 1989/91 zur Befreiung vom Kommunismus. Heute neigen viele dort lebende Menschen zu Moskau hin – warum ist das so? Frantisek Palacky, ein böhmischer Historiker und Patriot, schrieb 1848 an das Frankfurter Parlament, dass die Habsburgermonarchie aus historischem Blickwinkel für den Schutz der kleinen Nationen Ostmitteleuropas gegenüber deutschen oder russischen Imperialismus notwendig gewesen wäre. Nach dem Zusammenbruch dieser Monarchie wurden die entstandenen Staaten zur Beute deutscher und später russischer Mächte, was bis heute Ängste vor Unabhängigkeit schürt.
Trotz der historischen Notwendigkeit, sich gegen ein imperialistisches Russland zu wappnen und Brüssel als Schutzmacht zu sehen, verfolgen die politischen Führer in Prag, Bratislava und Budapest mehr oder weniger prorussische Linien. In Tschechien hielt Andrej Babas Regierung an der proukrainischen Position fest, obwohl kleinere Koalitionspartner kritisch gegenüber Kiew sind. In der Slowakei unter Robert Fico ist die Orientierung zu Russland stärker ausgeprägt: Die Regierungsparteien sehen es als antifaschistische oder panslawische Kraft.
Viktor Orban in Ungarn hat sich vom Transatlantiker zum Verbündeten Moskaus entwickelt, blockiert EU-Entscheidungen und unterstützt auf dem Balkan sezessionistische Kräfte. Trotz ihrer posthabsburgischen Geschichte sehen die Länder in Russland eine attraktive Option: In der Slowakei hat laut einer Umfrage des Mitteleuropäischen Instituts für Asien-Studien 29 % der Bevölkerung positive Ansichten über Russland, während es in Ungarn bei 21 % liegt. Die Zustimmung ist hier stark polarisiert, wobei die Regierungspartei-Anhänger prorussisch eingestellt sind.
In Tschechien sind solche Einstellungen am wenigsten verbreitet (11 %), doch auch dort herrscht Skepsis gegenüber internationalen Akteuren einschließlich der EU. Historische Sympathien zu Russland haben in diesen Ländern unterschiedliche Ursprünge: In der Slowakei spielte Panslawismus eine Rolle, während in Tschechien Austroslawismus vorherrschend war. Nach 1993 blieb die Russland-Sympathie auch in der unabhängigen Slowakei spürbar.
In Ungarn fand die russische Sympathie unter Viktor Orban trotz historisch negativer Erfahrungen mit Moskau breite Unterstützung. Die antiwestliche Haltung der Regierung und die Bezeichnung der EU als Gefahr haben zu einer Verschiebung in Richtung Russland geführt, obwohl eine Mehrheit weiterhin einen EU-Austritt fürchtet. In Ostmitteleuropa bleibt eine proeuropäische Orientierung daher die tragfähigere Alternative. Trotzdem können die prorussischen Regierungen Brüssels und Kiews Interessen erheblich beeinträchtigen.
Peter Techet, promovierter Jurist und Historiker, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für den Donauraum und Mitteleuropa in Wien sowie Habilitand an der Universität Zürich.