Shelly Kittleson ist eine erfahrene Journalistin, die seit über fünfzehn Jahren aus dem Nahen Osten berichtet. Am Dienstag verschwand sie in Bagdad unter mysteriösen Umständen. Ein Video, das auf sozialen Medien auftauchte und ihre Entführung zeigen soll, zeigt eine Unschärfe, als würde man einen laufenden Fernseher filmen. Es erweitert sich zu einem Bild von mehrstöckigen Häusern in einer belebten Grossstadt – Bagdad im Irak. Die Kamera zoomt auf ein Auto neben einer vielbefahrenen Strasse: Zwei Männer drängen eine Person hinein, bevor sie wegfahren.
Die BBC und andere Medien bestätigten die Entführung der US-Amerikanerin, die für renommierte Plattformen wie BBC, Politico und Al-Monitor arbeitet. Laut Al-Monitor wurde die Entführung durch das irakische Innenministerium offiziell anerkannt; bei dem Angriff sollen zwei Fahrzeuge beteiligt gewesen sein, eines stürzte um, ein Verdächtiger konnte festgenommen werden.
Bislang hat sich die US-Regierung zurückhaltend geäussert. Ein Vertreter des Aussenministeriums, Dylan Johnson, twitterte nur knapp: «Das Aussenministerium hat seine Pflicht erfüllt und vor Bedrohungen gewarnt». Gemeinsam mit dem FBI arbeite man an ihrer Freilassung. Doch jegliche Kritik oder Verurteilung des Vorfalls blieb aus.
Es wird gemutmasst, dass proiranische Kräfte involviert sein könnten. Der Iran hatte am Tag vor der Entführung amerikanischen Unternehmen in der Region Warnungen wegen Attacken ausgesprochen und führt seit dem Angriff durch die USA Vergeltungsaktionen durch.
Shelly Kittleson, geboren im US-Bundesstaat Wisconsin, war eine angesehene Kriegsreporterin. Ihre Berichterstattung umfasste Regionen wie Syrien, Afghanistan und den Irak. Im türkischen Fernsehsender TRT World äusserte sie sich 2017 über ihr Leben als Journalistin: «Es hat mir einen Sinn im Leben gegeben», sagte sie, obwohl sie die Bezeichnung ‹Kriegsreporterin› ablehnte und ihre Interviewpartner nicht als Opfer, sondern als Menschen sah.
Trotz ihrer Erfahrungen mit Kriegen zeigte Kittleson auf Instagram auch den idyllischen Nahen Osten – mit blauem Himmel über dem Euphrat oder einer Fahrt durch die Syrische Wüste. Doch genau in dieser Stadt, Bagdad, wurde sie entführt.