Als Expertin für Weltwirtschaft warnt die Harvard-Ökonomin Gita Gopinath im Interview vor schweren Folgen eines möglichen Börsencrashs. Angesichts des Krieges im Iran, der bereits Unsicherheiten schürt, prognostiziert sie erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen: Bei anhaltendem Konflikt und einem Anstieg des Ölpreises auf durchschnittlich 85 Dollar könnte das globale Wachstum um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte sinken. Asien, stark von Energieimporten abhängig, wird besonders betroffen sein. Gleichzeitig ist mit einer globalen Inflationssteigerung um durchschnittlich einen Prozentpunkt zu rechnen.
Gopinath beschreibt den Iran-Krieg als stagflationären Schock, der geringeres Wachstum und steigende Inflation miteinander verbindet. Neben Öl- und Gasengpässen drohen auch Engpässe bei Düngemitteln, deren Preise erst in sechs Monaten zu höheren Nahrungsmittelpreisen führen werden.
Die geopolitischen Verhältnisse zwischen den USA, China und Europa verändern sich zunehmend. Der Bruch zwischen den USA und Europa ist tiefgreifender als erwartet: Durch Handelszölle und politische Spannungen sind die Beziehungen belastet, was zu einem Bestreben Europas führt, seine Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Dies betrifft Bereiche wie Zahlungssysteme, Rüstungsproduktion und Schlüsseltechnologien.
Die Stellung des Dollars als globale Leitwährung bleibt stark, obwohl sich Russland und andere sanktionierte Länder sowie China zunehmend von ihm abwenden. Auch die Abhängigkeit der USA von ausländischem Kapital wirft Fragen nachhaltiger Finanzpolitik auf: Die hohen Nettoverbindlichkeiten basieren zu einem großen Teil auf Bewertungseffekten.
Trotz geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheiten hat die Weltwirtschaft bisher standgehalten. Doch Gopinath warnt vor strukturellen Schäden, wie sie nach dem Brexit sichtbar wurden: Anfänglich blieb das Wachstum stabil, doch mittelfristig sank die britische Wirtschaftsleistung um 6 bis 8 Prozent.
Die Hoffnung auf technologischen Fortschritt durch KI ist groß; die tatsächlichen Gewinne sind jedoch gering. Gopinath befürchtet einen Börsencrash, der erheblicher als die Dotcom-Blase ausfallen könnte und Vermögensverluste in Höhe von 35 Billionen Dollar zur Folge haben würde.
Die finanziellen Mittel, um eine mögliche Krise zu bekämpfen, stehen aufgrund hoher Staatsverschuldung und begrenzter Spielräume für Zinssenkungen der Notenbanken in Frage. China sieht sich trotz robuster Exporte mit internen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert.
Die EU steht vor dem Problem fehlender Strategien gegen chinesische Konkurrenz, während die Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft von globalen Veränderungen betroffen ist. Die demografische Alterung und unzureichende Investitionen in produktive Sektoren könnten den Lebensstandard weltweit zurückgehen lassen.
Gopinath fasst zusammen: “Die Welt könnte in den nächsten zehn Jahren einen Rückgang des Lebensstandards erleben, bedingt durch geopolitische Erschütterungen und niedrige Wachstumsraten.”