In der Gaststätte von Acsalag, einem kleinen Ort im Nordwesten Ungarns, sitzen Männer am Ecktisch und lassen ihren Frust mit Bier aus. Nach dem jüngsten Wahlergebnis ist die Stimmung gedrückt: Einige äußern ihre Sorge über die Zuwanderung von Terroristen und den Schock im Dorf. Die Wirtin möchte sich nicht äußern.
Früher war Acsalag eine Hochburg der Fidesz, Viktor Orbans Partei, mit mehr als 80 Prozent der Stimmen für deren Kandidaten vor vier Jahren. Das Dorf besteht aus einer einzigen Straße mit meist eingeschossigen Häusern, darunter viele “Kadar-Würfel”, die in Janos Kadars Ära entstanden sind.
Orbans “Dorf-Programm” hat Geld nach Acsalag gebracht: Die Straßen sind gut instand gehalten, und vor dem Gemeindehaus steht ein gepflegtes Denkmal. Ein neuer Veranstaltungsort befindet sich im Bau, der alle Einwohner aufnehmen könnte.
Der Wandel Ungarns spiegelt sich auch hier wider: An einem Haus neben der Gaststätte prangt eine Fahne von Peter Magyars Partei Tisza und Plakate ihrer Kandidaten. Gabriella Boldog, die mit ihren Kindern zum Fußballplatz kam, erzählt, dass früher alle für Fidesz stimmten. Sie hat nun jedoch Tisza gewählt. “Orban hat nur gestohlen und gelogen”, sagt sie offen. Obwohl Orbans Partei als familienfreundlich gilt, bekam Boldog kaum Unterstützung und arbeitet daher in Österreich.
Györ, eine halbe Stunde entfernt, ist das Zentrum der Region mit einem expandierten Automobilwerk unter Orban. Der Wahlkreis um Csorna, zu dem Acsalag gehört, wurde 2022 von Fidesz mit 71 Prozent gewonnen und nur knapp verteidigt.
Magyar setzte sich gezielt für die Provinzen ein und besuchte den Wahlkreis mehrfach. Trotzdem wundert man sich über die Abwendung vom Fidesz, der nun landesweit in vielen Gebieten verlor. Tisza errang mit 141 Sitzen die größte Mehrheit seit der Wende von 1989.
Orban nannte die Wechselstimmung als Hauptgrund für seine Niederlage und räumte Fehler im Umgang mit der Parteielite ein. Jozsef Visy, ein Landwirt in Rabapordany, kritisiert die Inflation und niedrigen Löhne: “Es muss sich alles ändern.”, sagt er. Er hat für Tisza gestimmt, nachdem auf seinem Hof eine Seuche ausgebrochen war, was er als Rache ansieht.
In Csorna, einer Gemeinde mit 10.000 Einwohnern, sind die Spuren des Wahlkampfes noch sichtbar. Rita Farkas, Besitzerin eines Hundesalons, zeigt sich unzufrieden über Orbans Abwahl. Die Kleinstadt zeigt ein gemischtes Stadtbild mit renovierten und sozialistischen Gebäuden sowie zahlreichen Gedenkstätten.
Mihaly Toth, Besitzer eines Jagdladens, bemängelt die hohen Lebenshaltungskosten trotz guter Wirtschaftslage in der Stadt. Er hat für Tisza gestimmt und sieht einen Umbruch als notwendig an, obwohl Fidesz weiterhin viel Einfluss besitzt.