Das patriarchale Frauenbild von Trump, der Einfluss von Manfluencern und Tradwifes im Netz sowie Morddrohungen gegen Collien Fernandes lassen vermuten, dass die Gesellschaft in Sachen echter Gleichstellung aller Geschlechter einen Rückschlag erlebt. In Deutschland haben Massendemonstrationen nach dem Fall Collien Fernandes zu einem geplanten Gesetz gegen digitale Gewalt geführt. Auch in der Schweiz hat ein offener Brief gegen sexualisierte Gewalt im Internet über 5000 Unterzeichner gefunden.
Karina Nasaeva von Brava, ehemals Terre des Femmes Schweiz, stellt fest: «Beides ist gleichzeitig wahr». Einerseits erlebe man einen massiven antifeministischen Backlash. Geschlechtsbezogener Hass werde im digitalen Raum zunehmend normalisiert und skaliert. Gewalt werde relativiert oder eingesetzt, um Frauen aus der Öffentlichkeit zu drängen.
Laut Nasaeva seien die Manosphere, Tradwife-Ideologien und die Zunahme digitaler Gewalt keine Randerscheinungen, sondern Ausdruck eines verschärften gesellschaftlichen Klimas. Es gibt Hinweise darauf, dass Gewalt zunimmt und Opferhilfe sowie Frauenhäuser an ihre Grenzen stoßen.
Gleichzeitig beobachtet Nasaeva eine politische Bewegung: In der Schweiz rückt das Thema Gleichstellung durch den Druck von Zivilgesellschaft und Betroffenen stärker in den Fokus. Zusätzliche Mittel für das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann sowie die Vermeidung von Kürzungen in der Opferhilfe zeigen, wie wichtig ziviler Druck ist.
Kann Scham wirklich die Seite wechseln, wie von Gisèle Pelicot und anderen gefordert? Nasaeva erklärt: «Scham kann und sollte die Seite wechseln. Von selbst wird sie es aber nicht tun». Einzelne prominente Fälle könnten keine Kipppunkte schaffen; vielmehr zeigen die Reaktionen auf diese Fälle, wie stabil bestehende Machtverhältnisse sind.
Obwohl Collien Fernandes Morddrohungen und Keller-Sutter sexistische Beschimpfungen erleiden mussten, trifft Betroffene oft zusätzliche Hetze. Prominente Stimmen können zwar auf geschlechtsbezogene Gewalt aufmerksam machen, jedoch liegt die Verantwortung für den Schutz von Betroffenen beim Staat.
Scham muss gesellschaftlich, politisch und medial aktiv verschoben werden, um die Verantwortlichen zu adressieren. Nasaeva kritisiert zudem die politische Instrumentalisierung geschlechtsbezogener Gewalt, insbesondere in rassistischen und migrationspolitischen Debatten.
Brava fordert klare gesetzliche und institutionelle Antworten sowie eine ausreichende Finanzierung. Dazu gehöre ein effektiver Schutz vor jeglicher sexualisierter Gewalt, sowohl online als auch offline, eine gut finanzierte Opferhilfe mit nationaler Strategie und die konsequente Umsetzung der Istanbul-Konvention.
Nasaeva betont: «Das Momentum ist da, sollte aber korrekt genutzt werden». Der strukturelle Rückschritt wirke schwerwiegend, da Gegenkräfte gut organisiert sind.