Mit einem Videocall um 6:40 Uhr in seinem Stanford-Büro gibt der emeritierte Professor Hans Ulrich Gumbrecht einen tiefen Einblick in sein Leben als Geisteswissenschaftler. In der Dämmerung des kalifornischen Campus, wo er eine Zigarette rauchen darf, reflektiert er über seine unkonventionelle Karriere, die ihn von Würzburg bis an die Spitze der akademischen Welt führte.
Gumbrecht, der für seine genreübergreifenden Werke und sein Engagement für Themen wie Minnesang oder die menschliche Stimme bekannt ist, hat eine beeindruckende Liste mit über 3000 Publikationen vorzuweisen. In seinen Memoiren beschäftigt er sich mit seiner ungewöhnlichen Arbeitsweise: Er liest selten ein Buch zu Ende und legt Wert auf einen selektiven Fokus – ein Ansatz, den er als notwendiges Talent für Geisteswissenschaftler verteidigt.
Der ehemalige “Rockstar der Geisteswissenschaften” beschreibt seine Begegnungen mit prominenten Denkern wie Michel Foucault und Jürgen Habermas. Mit Foucault, den er als unerreichten König der Geisteswissenschaften bezeichnete, pflegte Gumbrecht intensive Gespräche. Über Habermas spricht er mit Bewunderung, auch wenn ihre Ansichten teils auseinander gingen.
In seiner Autobiografie offenbart Gumbrecht die Herausforderungen und Triumphe seines Lebenswegs – ein Weg geprägt von Identitätssuche und einem steten Streben nach intellektueller Freiheit. Seine Kindheit in einer erfolgreichen, aber bildungsbefreiten Ärztefamilie, die früh erkannte, dass Gumbrecht kein medizinisches Talent hatte, gab ihm die Freiheit zur akademischen Karriere.
Gumbrecht berichtet auch von seiner frühen Berufung zum Professor, einem Rekord gebrochen seit Nietzsche. Dieser Aufstieg war weniger durch Geldinteressen als vielmehr durch sportlichen Ehrgeiz angetrieben. Er erinnert sich humorvoll und ehrlich an seine Rolle als Grenzgänger in einer Welt voller intellektueller Herausforderungen und politischer Umbrüche.