In einem New Yorker Atelier des Jahres 1952 entsteht eine Revolution in der Kunstwelt. Während Jackson Pollock und andere Künstler ihre Leinwände mit kraftvollen Pinselstrichen zu Schlachtfeldern machten, bricht eine junge Helen Frankenthaler die Konventionen. Im Alter von nur 23 Jahren legt sie den Stoff auf den Boden und beginnt nicht zu malen, sondern zu giessen. Mit stark verdünnter Farbe schafft sie einzigartige Bilder, indem die Farben direkt ins Gewebe eindringen – ähnlich wie Tinte auf Löschpapier.
Anita Haldemann, Kuratorin der Frankenthaler-Ausstellung im Kunstmuseum Basel, beschreibt den Vorgang als intensiven körperlichen Ausdruck. Helen Frankenthaler arbeitete mit einer Technik, die sie als Pionierin entscheidend prägte – der «Soak-Stain-Technik». Trotz ihrer bahnbrechenden Beiträge blieb ihr der große europäische Ruhm lange verwehrt. Bekannte Künstler übernahmen ihre Technik und erlangten Berühmtheit, während Frankenthaler oft als Schülerin oder die Ehefrau von Robert Motherwell abgetan wurde.
Der damalige Kunstmarkt trug dazu bei, indem er sich auf wenige männliche Namen wie Jackson Pollock konzentrierte. «Frankenthaler war zwar präsent», erklärt Haldemann, «aber der Markt und die Museen folgten anderen Prioritäten». Das Kunstmuseum Basel macht nun eine Verschiebung sichtbar. Frankenthalers Abstraktion war kein radikaler Neubeginn; sie suchte den Dialog mit alten Meistern wie Monet oder Rembrandt, ihre Bilder erinnerten an Landschaften und trugen ein kulturelles Gedächtnis in sich.
Ihre nuancierte Haltung wurde oft als Mangel an Radikalität ausgelegt. In einer Zeit, die klare Manifeste verlangte, war wenig Platz für ihre subtilen Arbeiten. Der heutige Blick ändert sich jedoch: Grösse wird nicht nur im gewaltsamen Umbruch gesehen, sondern auch im Dialog mit dem Material. Frankenthalers Beitrag wird so erst wirklich greifbar.
Für Haldemann ist eine Neubewertung überfällig: «Wer die Geschichte der Abstraktion und Gegenwartsmalerei verstehen will, kommt an ihr nicht vorbei». Ihre Kunst öffnete einen Raum für Ausdrucksformen, die nicht laut sein müssen, um wahrgenommen zu werden.
Die Sonderausstellung «Helen Frankenthaler» im Kunstmuseum Basel zeigt mehr als 50 Werke und läuft bis zum 23. August. Der Film «Malen ohne Regeln», der unter anderem Helen Frankenthalers Schaffen beleuchtet, ist bei Play SRF zu sehen.
SRF 1, Sternstunde Kunst, 19.4.2026, 12:00 Uhr