Navid Kermani, ein prominenter deutscher Intellektueller und Schriftsteller, schildert seine Verwirrung und Unruhe, während er am Lago Maggiore sitzt und vom Krieg in Teheran hört. Der 58-jährige, dessen Wurzeln im Iran liegen, ist erschüttert von den Ereignissen seit dem Beginn des Konflikts am 28. Februar. Obwohl er eine Karriere aus Reportagen über Krisengebiete wie Irak und Syrien hat, beschreibt er dieses Mal die Besonderheit des Krieges in seiner Heimat als besonders verstörend.
Kermani war zum Tessiner Literaturfestival Eventi Letterari angereist, um sein neues Buch “Sommer 24” vorzustellen. Es ist eine persönliche Reflexion über politische Geschehnisse und deren Einfluss auf Beziehungen. Während seiner Lesung bricht er das Schweigen und spricht von der Hoffnungslosigkeit, die ihn seit den Angriffen durch Amerika und Israel erfasst hat. Seine anfängliche Sprachlosigkeit wurde nur durch Hartnäckigkeit einer Redaktorin überwunden, woraufhin ein Artikel im “Spiegel” erschien.
Trotz seiner tiefen Verbindung zu seinem Geburtsland und der Hoffnung auf dessen Demokratisierung sieht Kermani wenig Chancen für einen Wandel. Die Ermordung von Ali Khamenei löste bei ihm keine Freude, aber eine gewisse Genugtuung aus. Er bleibt jedoch hoffnungslos über das Desinteresse der Welt an der iranischen Demokratie.
Kermanis Buch “Sommer 24” ist ein Versuch, sich in die Lage seiner Mitmenschen zu versetzen und Verständnis für deren Standpunkte zu entwickeln. Es ist eine Erzählung über Freundschaften über ideologische Grenzen hinweg und den inneren Konflikt des Autors. Kermani selbst beschreibt sich als jemand, der zum Versöhnlichen neigt, was in Zeiten des Krieges oft als Naivität gesehen wird.
Im Buch reflektiert er auch über die iranische Revolution und den Einfluss von Ayatollah Khomeiny. Während einige seine Ideale unterstützten, distanzierten sich viele nach der brutalen Durchsetzung seiner Macht wieder davon. Auch in seiner Familie führte dies zu Konflikten. Kermani beschreibt die Spiritualität Khomeinys als eine überzeitliche Kraft.
Kermanis Gedanken und Empfindungen sind geprägt von Verständnis für das Gegenüber, doch er setzt auch Grenzen im Einfühlen. Er zitiert Rabbi Jizchak von Berditschew: “Es gibt nichts Ganzeres als ein zerbrochenes Herz.” Trotz der Herausforderungen plant Kermani weiterhin, in den Sudan zu reisen und sich neuen Konflikten zu widmen.