In zahlreichen Fällen hat die schulische Integration von Kindern mit Behinderungen beeindruckende Erfolge gezeigt. Die Kritik, die integrativen Schulen sei gescheitert, deckt vielmehr das politische Versagen auf.
Häufige Schlagzeilen in Medien wie der NZZ und anderen legen nahe: Integrative Schulbildung ist gescheitert. Bürgerliche Politiker behaupten dies lautstark, während Vertreter der Behindertenindustrie stillschweigend über die finanziellen Vorteile des separierten Systems – bestehend aus Sonderschulen, Heimen und geschützten Werkstätten – freuen. Dieses System benötigt eine ständige Versorgung mit Nachwuchs, die durch den Weg über Sonderschulen gewährleistet wird.
Das Konzept der integrativen Schule hat sich nicht als gescheitert erwiesen; es ist ein langfristiges Projekt, das sich über Jahrzehnte erstreckt. Bereits 1809 hatte Wilhelm von Humboldt die Idee einer “Schule für alle” entworfen – einen Ort, an dem Unterschiede überwunden werden. In der Schweiz gibt es zahlreiche erfolgreiche Beispiele schulischer Integration, und bei genauerer Betrachtung zeigt sich oft, dass Fördermanie nicht die einzige Ursache für Separation ist. Politiker, die von einem Scheitern sprechen, offenbaren damit ihr eigenes Versagen – sie mangelt es an politischem Weitblick, Willen und einer umfassenden nationalen Strategie. Finanzielle Mittel sind sicherlich nicht das Problem.
Es erscheint bequem, Kinder mit Problemen in Sonderschulen zu verweisen. Schulpsychologische Empfehlungen liefern zahlreiche Begründungen für solche Überweisungen und zeigen einen steigenden Anteil an Diagnosen wie ADHS und Autismus – eine Entwicklung, die Sonderschulen kaum noch bewältigen können.
Die Kosten sprechen eine klare Sprache: In einem separierten Sonderschulsetting belaufen sich die jährlichen Kosten im Kanton Bern auf etwa 86.000 Franken, während ein integriertes Setting nur 45.000 Franken und eine Regelklasse lediglich 18.000 Franken kosten. Hinzu kommen volkswirtschaftliche Folgekosten: Wer Sonderschulen besucht, landet häufig auf dem geschützten Arbeitsmarkt oder in Heimen.
Über die gesamte Lebensspanne ergeben sich so erhebliche Mehrkosten gegenüber Personen, die mit Unterstützung im ersten Arbeitsmarkt integriert sind. Die Frage stellt sich: Warum befürworten bürgerliche Politiker eine Schulpolitik, die zu hohen volkswirtschaftlichen Mehrbelastungen führt?
Die Schweiz erhielt vom Uno-Kinderrechtsausschuss eine Rüge. Während manche jubeln und andere von einem reflexartigen “fremden Urteil” getrieben werden, liegt das eigentliche Problem tiefer: Die Rechtslage ist eigentlich klar – von der ratifizierten Uno-Behindertenrechtskonvention über die Bundesverfassung bis hin zu kantonalen Schulvorschriften. Das Problem liegt in der Umsetzung des Rechts. Schriftsätze und Urteile, sogar solche des Bundesgerichts, sind oft unvollständig, qualitativ minderwertig und einseitig.
Das Bundesgerichtsurteil im Fall aus dem Kanton Aargau veranschaulicht dies: Das betroffene Kind könne nicht am Unterricht teilnehmen, daher sei es nicht integriert. Dies ist kein rechtlicher Meilenstein, sondern institutionalisierter Paternalismus: Wenn ein Mensch mit Behinderung Probleme hat, an der Teilhabe teilzuhaben, wird diese verweigert. Ein Kind mit Down-Syndrom zu erwarten, den Unterrichtsstoff der 6. Klasse vollständig zu beherrschen, ist eine absurde Logik – vergleichbar damit, einem Rollstuhlfahrer die Teilnahme am 100-Meter-Lauf zu verwehren, weil er nicht schnell genug laufen kann. Die Richter haben das Konzept der Teilhabe – und nichts anderes bedeutet Inklusion – einfach missverstanden.
Dieser institutionalisierte Paternalismus betrifft auch viele Erwachsene mit Behinderungen. Sie wurden viel zu früh auf einen Sonderschulweg geschickt, von dem es kaum ein Entrinnen gibt. Dies ist eine Schande und ein dunkler Fleck in der Schweizer Bildungsgeschichte. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, wie die gegenwärtige Situation zukünftig bewertet werden wird.
Eric Scherer ist Präsident von Inklusion Aargau und ehemaliger Einwohnerrat der SVP Lenzburg.