Trotz der Widerstandsfähigkeit des iranischen Regimes steht die Volkswirtschaft vor einer tiefgreifenden Krise. Aus Regierungskreisen wird berichtet, dass das Land bald nicht mehr in der Lage sein könnte, seine Bevölkerung zu versorgen. Cyrus Schayegh, Professor für Internationale Geschichte am Genfer Graduierteninstitut und Experte für den Nahen Osten, erläutert die Hintergründe.
SRF News fragt: Wie steht es um die aktuelle wirtschaftliche Situation im Iran?
Cyrus Schayegh erklärt, dass der Iran durch gute Universitäten, eine junge Bevölkerung und durch Sanktionen geförderte inländische Industrien über Potenzial verfügt. Doch das Land leidet unter einer tief verwurzelten Strukturkrise. Hauptursachen sind internationale Sanktionen, staatliches Versagen sowie Korruption. Über die Hälfte der Wirtschaft ist in den Händen der Revolutionsgarden und des Büros von Chamenei.
Probleme verschärfen sich durch Klimakrisen und ineffiziente Verwaltung, insbesondere bei Wasserressourcen. Nach einem Konflikt mit Israel im Sommer 2025 stieg die Inflation auf über 40 Prozent an und führte zu Massenprotesten sowie dem Januar-Massaker.
Welche wirtschaftlichen Folgen hat der jüngste Krieg?
Der völkerrechtswidrige Konflikt verschärfte die Strukturkrise zusätzlich. Zivile Infrastruktur wurde beschädigt, und die Mittelschicht sowie unabhängige KMU leiden erheblich. Die Inflation stieg bis auf 75 Prozent, was vor allem die Ärmsten trifft. Auch temporäre Sanktionserleichterungen durch die USA wegen der globalen Energiekrise helfen nur wenig.
Wie haben langjährige Sanktionen das iranische Atomprogramm beeinflusst?
Sanktionen der UNO und der USA schwächten die iranische Wirtschaft erheblich. Devisenhandel wurde erschwert, Öleinnahmen sanken stark und die Inflation stieg teils drastisch an. Dies führte zu wiederholten Protestbewegungen im Jahr 2021, 2022 und Anfang 2026. Folgen waren ein erhebliches Haushaltsdefizit, geringe öffentliche Investitionen und kaum ausländische Direktinvestitionen.
Werden die Golfstaaten Iran weiterhin bei der Umgehung von Sanktionen unterstützen?
Das ist unwahrscheinlich. Der Angriff des Irans auf die Golfstaaten, insbesondere auf die Vereinigten Arabischen Emirate, beeinträchtigte diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen. Die Emirate haben iranische Finanzmittel eingefroren und sehen Teheran nun als Hauptfeind.
Wie könnte der Wiederaufbau des Irans gestaltet werden?
Trotz enormer Zerstörung hat Iran den Krieg strategisch gewonnen, was Trump dazu brachte, Verhandlungen auf Basis eines 10-Punkte-Plans zu akzeptieren. Eine Öffnung der Straße von Hormus könnte durch eine Verringerung der Sanktionen erreicht werden. China wird wahrscheinlich beim Wiederaufbau mitfinanzieren, obwohl es auch gute Beziehungen zu den Golfstaaten unterhält. Doch die wirtschaftlichen Probleme könnten langfristig erneute Proteste auslösen.
Das Gespräch führte Matthias Kündig.