Aktuell erreichen die Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) und die Börsenkurse der führenden KI-Unternehmen Rekordhöhen. Doch stellt sich die Frage, wie lange diese Entwicklung nachhaltig bleibt? Und warum könnte eine Korrektur langfristig positiv sein? Vor zweihundert Jahren fuhr am 27. September 1825 die erste Dampflokomotive mit dem Namen „Locomotion No. 1“ von George Stephenson und seinem Sohn Robert, über eine Strecke von Stockton nach Port Darlington in England. Diese Innovation beschleunigte die industrielle Revolution und hatte tiefgreifende wirtschaftliche Auswirkungen auf den heutigen Wohlstand der Menschheit. Die Eisenbahn war ein Vorreiter der Netzökonomie, deren Nutzen von Zeitgenossen zunächst nicht erkannt wurde. Die frühen Investoren in die Eisenbahn – Spekulanten wie die Stephensons und spätere Magnaten wie George Hudson oder Cornelius Vanderbilt – erlebten sowohl Riesenreichtum als auch beträchtliche Verluste, als viele Strecken unrentabel blieben. Trotzdem hat sich die Eisenbahn bis heute gehalten. Heute beobachten wir Ähnlichkeiten zwischen der damaligen Eisenbahnerfindung und der aktuellen KI-Revolution – nur mit einem deutlich schnelleren Tempo. Chat-GPT, einer der größten KI-Dienstleister, wurde am 30. November 2022 für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht und erreichte bereits Ende Januar 2023 monatlich hundert Millionen Nutzer. KI ist nicht nur eine neue Technologie wie ein Thermomix oder ein neues soziales Netzwerk; sie durchdringt alle Bereiche der Industrie, Verwaltung und des Alltags. Ökonomen bezeichnen solche Innovationen als „universale Schlüsseltechnologien“. Für deren breite Anwendung ist eine umfassende Infrastruktur notwendig: bei der Eisenbahn waren das Schienen und Bahnhöfe, heute sind es Rechenzentren, Hochleistungschips und Netzwerke. Die Kosten dafür belaufen sich auf Milliarden Dollar. Die großen Investoren wie Alphabet (Google), Amazon, Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp) und Microsoft haben bereits in die notwendige Infrastruktur investiert, um von den Vorteilen der KI zu profitieren. Diese Hyperscaler setzen auf massive Skaleneffekte, die sich potenziell in hohe Renditen übersetzen lassen. Die Frage bleibt: Werden diese Investitionen sowohl für die Menschheit als auch für die Investoren fruchtbar sein? Der Nutzen von KI ist bereits vielfältig zu beobachten, sei es in der Medizin, im Rechtswesen oder in der Bildung. Allerdings sind die langfristigen Auswirkungen auf Wachstum und Wohlstand noch nicht absehbar. Die Frage nach dem Risiko für Investoren ist komplexer. Könnte KI zu einer Spekulationsblase führen, ähnlich den Blasen bei der Eisenbahnspekulation 1840 oder im Dotcom-Boom 2000? Der Ökonom Charles Kindleberger beschrieb in seinem Buch „Manias, Panics, and Crashes“ ein Muster von fünf Phasen: Neue Technologien führen zu Geldexpansion und Euphorie, bis Unsicherheiten eintreten und Panik ausbricht. Kindlebergers Unterscheidung zwischen Industrie- und Bankblasen ist hier relevant. Eine KI-Spekulationsblase wäre eine Industrieblase, die dem Fortschritt dient – im Gegensatz zu nutzlosen Bankblasen wie der Subprime-Krise 2008. Obwohl viele Faktoren für eine Blasenbildung sprechen, gibt es auch Argumente dagegen: Viele Unternehmen nutzen bereits KI erfolgreich und investieren aus Gewinnen. Auch wenn die KI-Blase platzt, wäre dies kein Zeichen gegen den technologischen Fortschritt. Der Zusammenbruch des Internetaktienmarkts 2000 führte nicht zum Ende des Internets – ähnliches könnte im KI-Zeitalter gelten. Rainer Hank leitete bis 2018 die Wirtschafts- und Finanzredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und lebt heute als Publizist in Frankfurt am Main.