Die kurdische Selbstverwaltung im Nordirak, lange als stabil geltend, steht nun unter Beschuss. Die Kurden bereiten sich möglicherweise auf einen Angriff gegen die Islamische Republik vor.
Das monotone Surren iranischer Drohnen ist in der Region allgegenwärtig. Bei gutem Wetter dauert es nicht lange, bis das Geräusch zu hören ist. Rawa Raman, ein Hobbyfotograf aus Berlin, kehrte nach Erbil zurück, um den Krieg zu dokumentieren, als er zwei Monate Urlaub nahm.
Seit Beginn der Kampfhandlungen wurden über 500 Einschläge in Kurdistan registriert. Der spektakulärste Angriff fand am 1. April statt: eine Drohnenattacke auf ein Erdöllager der britischen Firma Petroil, die Rauchschwaden über Teile der Stadt legte.
Für die seit Saddam Husseins Sturz im Jahr 2003 bestehende kurdische Autonomie stellt der aktuelle Konflikt die größte Bedrohung dar. Die meisten Drohnenangriffe werden von proiranischen schiitischen Milizen im Irak ausgeführt.
Der Irak ist das einzige Land, in dem sich die Konfliktparteien direkt gegenüberstehen: iran-treue Milizen und US-geführte Militärbasen in den kurdischen Gebieten. Tausende iranisch-kurdische Widerstandskämpfer bereiten sich auf eine Bodenoffensive vor, um das iranische Kurdistan von der Herrschaft Teherans zu befreien.
Erbils Regierung steht vor einem Dilemma: Wählt sie die USA oder die iranischen Kurden, steigt die Gefahr schwererer Angriffe. Unterstützt sie Irak und Iran, riskiert sie den Verlust des US-Schutzes. Derzeit werden viele iranische Raketen und Drohnen von amerikanischen Flugabwehrsystemen abgefangen.
Nach über einem Monat Kampfhandlungen haben sich die Erbiler an das Kriegsgetöse gewöhnt. Die Menschen heben bei Explosionen kurz den Kopf, dann kehren sie zu ihren Gesprächen zurück. Dennoch ist die Stimmung gedrückt; viele befürchten eine Verschlechterung der Lage.
Teheran hat Erbil gewarnt: greifen die Peschmerga an, werde die gesamte Infrastruktur zerstört. Auch ein Eingreifen irakischer Schiitenmilizen könnte folgen.
Die Augen richten sich auf Gruppen wie die „Kurdische Demokratische Partei Irans“, die größte Oppositionspartei, deren Vizegeneralsekretär Mustafa Mawloudi Journalisten empfängt. Trotz des wechselhaften Interesses der USA ist Mawloudi offen für Zusammenarbeit, fordert jedoch langfristige Sicherheitsgarantien von Washington.
Es kursiert die Zahl 100.000: angeblich könnten iranisch-kurdische Parteien so viele Kämpfer innerhalb weniger Tage mobilisieren. Ziryan Rojhelati, ein politischer Berater, sieht in den täglichen Angriffen sowohl Warnschüsse als auch Versuche Teherans, Feindseligkeiten zwischen Schiiten und Kurden zu schüren.
Die kurdische Regierung nimmt eine abwartende Haltung ein. Präsident Nechirvan Barzani betonte von Anfang an, dass kein kurdisches Territorium für Iran oder andere Länder eine Bedrohung darstellt.
Sollte es zu einem Showdown kommen, könnte Erbil sogar auf die Türkei als Verbündeten hoffen. Seit der Entwaffnung der PKK haben sich Ankara und Erbil angenähert. Die kurdische Solidarität bleibt stark, geprägt von historischer Unterstützung iranischer Kurden in Krisenzeiten.
Rawa Raman plant, die Grenze zu überqueren und Fotos vom Befreiungskampf der iranischen Kurden zu machen – ein Projekt, das er irgendwann in Berlin präsentieren möchte.