Li Rui war bekannt dafür, dass er seine Meinungen offen äusserte und wird auch nach seinem Tod in China gefürchtet. Ein kalifornisches Bundesgericht entschied am Mittwoch, dass Li Ruis Tagebücher weiterhin in den USA verbleiben, konkret an der Hoover Institution der Stanford University, wo sie seit 2019 öffentlich zugänglich sind. Eine Klage, die forderte, alle Aufzeichnungen des ehemaligen Kommunistischen Parteikaders nach China zurückzubringen, wurde abgewiesen.
Li Rui verstarb im Jahr 2019 mit 101 Jahren, und seine Tochter übergab daraufhin die Tagebücher an Stanford, um sie vor Zensur durch die chinesische KP zu schützen. Obwohl es keine rechtlich bindende Verfügung von Li gab, berief sich seine Tochter auf Tonbandaufnahmen ihres Vaters, der den Wunsch äusserte, dass die Aufzeichnungen in den USA bleiben sollten. Seine über neunzigjährige Ehefrau Zhang Yuzhen klagte jedoch zwei Jahre später gegen diesen Verbleib und forderte die Rückgabe der Bücher.
In ihrer Klage argumentierte Zhang Yuzhen, dass die Tagebücher intime Details ihrer Ehe enthielten, was sie emotional belaste. Ein Gericht in Peking entschied daraufhin zugunsten von Zhang Yuzhen. Stanford widersprach diesem Urteil und bat das kalifornische Bundesgericht um Anerkennung als rechtmäßige Eigentümerin der Tagebücher, indem sie betonten, es handle sich um historisch bedeutende Dokumente. Sie argumentierten zudem, dass die chinesischen Behörden wahrscheinlich versuchen würden, diese zu unterdrücken oder gar zu vernichten.
Die Tagebücher sind von besonderem Interesse, da Li Rui sowohl ein hochrangiger Parteikader als auch ein entschiedener Kritiker der Machtstrukturen in China war. Schon während Maos Herrschaft setzte er sich für demokratische Reformen ein und kritisierte den „Großen Sprung nach vorn“ von 1958, was zu einer verheerenden Hungersnot führte. Li Rui kommentierte politische Ereignisse in seinen Aufzeichnungen über einen Zeitraum von fast sieben Jahrzehnten.
Als einer der ersten Revolutionäre Chinas war Li nach der Gründung der Volksrepublik 1949 zunächst im Wasserwirtschaftsministerium tätig, wurde aber bald zum jüngsten Vizeminister ernannt. Mao Zedong machte ihn zu seinem Privatsekretär, doch nachdem er sich kritisch äußerte, wurde Li Rui 1959 aus der Partei ausgeschlossen und während der „Kulturrevolution“ inhaftiert. Mit Deng Xiaopings Reformpolitik kehrte er Ende der siebziger Jahre in die Parteiränge zurück, blieb jedoch weiterhin unbequem.
Li Ruis scharfe Kritik an der brutalen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste 1989 fand auch Einzug in seine Tagebücher. In den frühen 2000er Jahren forderte er, dass die KP Chinas sich nach europäischen sozialistischen Parteien neu orientieren sollte. Kurz vor seinem Tod kritisierte er zudem die Verfassungsänderung unter Xi Jinping, die eine unbegrenzte Amtszeit ermöglichte.
Bei Li Ruis Beerdigung in Peking wurde gemäß Parteiordnung sein Name nicht erwähnt und es gab keine Ansprachen. Er wurde dennoch auf dem Heldenfriedhof im Westen der Stadt beigesetzt, sogar in einer roten Flagge gehüllt – ein Protokoll, das seine Tochter als gegen seinen Willen angab.