Bauer Viorel in Crocmaz ist immer noch geschockt, als er von dem Absturz einer russischen Drohne berichtet. “Wir wurden mitten in der Nacht durch ein lautes Geräusch aufgeschreckt,” sagt er. Am nächsten Morgen erfährt er, dass die Drohne mit 50 Kilogramm Sprengstoff ausgestattet war und knapp unter seinem Haus einschlug. Viorel äußert seine Sorge über die Nähe des Krieges in der Ukraine: “Der Konflikt ist hier im Südosten Moldaus nur ein paar Kilometer entfernt.” Die Nachbarschaft spürt immer wieder Gefechtslärm, und Drohnenabstürze sind keine Seltenheit. Viorel fühlt sich durch die Angst vor weiteren Angriffen und steigende Preise belastet: “Das Leben ist seit dem Angriff auf die Ukraine viel härter geworden.” Der russische Einmarsch in der Ukraine hat in Moldau Besorgnis ausgelöst, da viele befürchten, das nächste Ziel zu sein. Historisch gesehen war Moldau lange unter russischer Kontrolle und abhängig von Russland, eine Abhängigkeit die durch den aktuellen Konflikt drastisch reduziert wurde: Energieimporte werden nun über die EU bezogen. Wirtschaftlich mussten neue Exportwege gefunden werden, was jedoch zu hoher Inflation führte.
Infolge des Krieges wurden auch russische Geschosse auf ein Kraftwerk in der Ukraine abgefeuert, wodurch ein gemeinsamer Grenzfluss verschmutzt wurde. Stromleitungen zwischen Rumänien und Moldau wurden bombardiert, was zu einem Energienotstand führte. Der Parlamentsabgeordnete Adrian Balutel sieht darin eine bewusste Aktion Russlands, um Moldau zu destabilisieren. Daher drängt seine Partei PAS auf einen raschen EU-Beitritt Moldaus. Die Regierungspartei PAS, die alle Entscheidungsebenen kontrolliert, erhält regelmäßig positives Feedback aus Brüssel für ihren Reformkurs. Der Beitrittsprozess soll bis 2030 abgeschlossen sein.
Der Ukrainekrieg könnte auch den Konflikt um Transnistrien lösen, hofft Balutel. Diese Region, die sich vor über drei Jahrzehnten von Moldau trennte und faktisch unabhängig ist, leidet wirtschaftlich unter dem Krieg. Die Menschen in Transnistrien kämpfen mit steigenden Preisen und tiefen Löhnen. Die Wirtschaftskrise hat auch die Energieversorgung beeinträchtigt: Lange wurde Gas aus Russland bezogen und weiterverkauft, doch diese Lieferungen sind nun unterbrochen.
In Varnita an der Grenze zu Transnistrien spiegelt sich die Realität wider. Obwohl völkerrechtlich keine offizielle Grenze existiert, ist sie in alltäglichen Belangen präsent. Menschen aus Transnistrien müssen hierhin kommen für Bankgeschäfte und Paketabholungen, da ihre Zahlungssysteme aufgrund westlicher Sanktionen nicht mehr funktionieren.
Die wirtschaftliche Krise verstärkt die Skepsis gegenüber einer Wiedervereinigung mit Moldau. Eine junge Frau spricht Russisch als Muttersprache und fürchtet Benachteiligungen in der mehrheitlich rumänischsprachigen Republik Moldau. Ein älterer Mann, ursprünglich aus der Ukraine stammend, sieht Moldaus Regierung kritisch und verdächtigt sie, Konflikte anzufachen.
Die Zukunft Moldaus bleibt ungewiss: Obwohl Zypern zeigt, dass ein EU-Beitritt auch mit einem ungelösten Konflikt möglich ist, bleibt die Frage offen. Tatiana Arama betreibt in der Nähe zur Ukraine ein Gasthaus und sieht im EU-Beitritt eine geopolitische Notwendigkeit für Moldau: “Ohne die EU sind wir alleine.” Trotz der stabilisierten Lage seit Beginn des Krieges, bleibt die Zukunft ungewiss.