Für die Ukrainer ist der russische Überfall eine Qual, aber auch für aufgeklärte Russen, die sich mitverantwortlich fühlen. Exilschriftstellerin Natalja Kljutscharjowa legt ein tiefgehendes Protokoll ihrer Leiden vor.
Natalja Kljutscharjowa wagt es in dem schwierigsten literarischen Genre: Sie schreibt als Opfer, obwohl sie aus der Täternation stammt. Schon die grundlegenden Fragen bereiten Schwierigkeiten: Ist sie eine russische oder russischsprachige Autorin? Eindeutig ist nur, dass Russland unter Putin keine Heimat mehr für sie ist.
Nachdem ihre Theateraufführung zu einer Denunziation durch eine Mitbürgerin führte, suchte Kljutscharjowa Rat bei einem ehemaligen Klassenkameraden, der in den «zuständigen Organen» arbeitet. Sie wollte wissen, ob sie verhaftet werden könnte. Er antwortete knapp: «Vielleicht ein paar Tage. Vielleicht Jahre. Oder gar nichts.» Die Absicht dieser Unsicherheit war klar: Kritische Geister sollten sich selbst disziplinieren. Kljutscharjowa hielt diese Spannung nicht aus und floh 2023 mit ihren beiden Töchtern nach Deutschland.
Kljutscharjowa meistert ihre Aufgabe hervorragend, ohne die russische Kollektivschuld zu relativieren oder sich in Selbstmitleid zu verlieren. Sie verzichtet auf einen kontinuierlichen Fliesstext und wählt stattdessen Notate, die wie Blitzlichter punktuell durch ihre orientierungslose Existenz leuchten.
Beeindruckend sind ihre Begegnungen mit geflüchteten Ukrainerinnen. Obwohl sie dieselbe Sprache teilen, trennt eine unterschiedliche Gewalterfahrung Kljutscharjowa von ihnen. Sobald sie sich schamvoll als Russin zu erkennen gibt, entsteht eine unüberwindbare Mauer zwischen ihr und den Ukrainern. Ihre Beteuerung, den Krieg abzulehnen und ebenfalls geflohen zu sein, ändert nichts. Selbst Kljutscharjowa kann sich nicht von ihrem Opferstatus überzeugen. Ihre Töchter entscheiden sich für den einfachsten Weg: In der Schule sagen sie, dass sie aus der Ukraine stammen.
Einer der seltenen Momente, in denen Kljutscharjowa ihren literarischen Spürsinn verliert, ist ein fiktionaler Dialog zwischen einem Arzt und einer jungen Russin, die eine Abtreibung plant. Der Arzt rät zur Geburt: Die Frau erhalte sofort hunderttausend Rubel vom Staat und später drei Millionen, wenn der Sohn sich in der Armee meldet. Sie diskutieren über Fehlschläge wie das Gebären einer Tochter, die aber nach dreizehn Jahren wieder einen Jungen bekommen könnte. Kljutscharjowa bemerkt: «Nur als absurdes Drama lässt sich diese Wirklichkeit beschreiben.»
Solche Überzeichnungen werden durch Miniaturen ausgeglichen, in denen moralische Abgründe entstehen. Natalja Kljutscharjowa erzählt von einem russischen Ingenieur, der Selbstmord begeht, nachdem eine seiner Raketen seine Grossmutter in Charkiw getötet hat. Kljutscharjowa fragt sich: «Aber konnte er damit leben, dass seine Raketen fremde Grossmütter töteten?»
Natalja Kljutscharjowa: Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Edition Suhrkamp, Berlin 2026. 180 S., Fr. 26.90.