Die Politik plant, die Anzahl der Studienplätze für Humanmedizin erheblich zu erhöhen, um den Bedarf an im Land ausgebildeten Ärzten langfristig sicherzustellen. Zulassungsbeschränkungen sollen vor allem in ländlichen Gebieten mehr Hausärzte fördern. Doch ob diese Maßnahmen wirklich effektiv sind, bleibt fraglich. Die Begründung für die Erhöhung der Studienplätze umfasst demografische Alterung, Teilzeitarbeit und verringerte Zuwanderung ausländischer Ärzte, was zu einem Mangel an Hausärzten führen könnte. Doch bei genauer Betrachtung ist das Problem in der Schweiz weniger ein genereller Arztmangel als vielmehr eine ungleiche Verteilung. Während Städte oft über spezialisierte Ärzte verfügen, fehlen diese im ländlichen Raum und in der Grundversorgung. Einige Kantone setzen Zulassungsbeschränkungen für ambulant tätige Fachärzte ein, um Ärzte gezielt zu lenken. Diese Regulierung ist politisch einfacher als grundlegende Maßnahmen zur Kostendämpfung wie die Einschränkung des Leistungskatalogs oder höhere Selbstbehalte. Der Grund für die geringe Anzahl an Hausärzten wird selten thematisiert: hoher administrativer Druck, enge Terminpläne und begrenzte Einkommensperspektiven. Viele Ärzte ziehen Spezialgebiete dementsprechend vor, was politisch als kostentreibend angesehen wird. Die Politik hofft, dass zukünftige Generationen vermehrt in Hausarztpraxen tätig werden – insbesondere in Randregionen. Doch ob diese Hoffnung gerechtfertigt ist, bleibt ungewiss. Eine Ausbildungsoffensive könnte zwar mehr Hausärzte hervorbringen, doch ein Großteil des Nachwuchses wird sich wahrscheinlich erneut für Spezialgebiete entscheiden. Auch Annahmen über den zukünftigen Bedarf sind nicht klar definiert. Die Schweiz bleibt attraktiv für ausländische Ärzte. Zudem verbessern technologische Entwicklungen die Systemproduktivität. Effizienzgewinne durch künstliche Intelligenz und andere Berufe, die medizinische Aufgaben übernehmen, relativieren Mangelprognosen. Zu beachten ist auch der limitierende Faktor Finanzierung. Gesundheitskosten sind eine Sorge für viele, und es bleibt ungewiss, ob ein erhöhter Bedarf langfristig finanziert werden kann. Spitäler schließen oder sparen, was zeigt, dass finanziale Realität stärker ist als theoretische Versorgungsbedarfe. Ein weiteres Problem ist die Facharztausbildung nach dem Studium. Engpässe bei qualitativ hochwertigen Weiterbildungsstellen sind bereits heute ein Problem. Viele Spitäler erhalten deutlich mehr Bewerbungen, als sie Stellen anbieten können. Die Reduzierung stationärer Kapazitäten und der Fokus auf ambulante Versorgung erschweren die klinische Erfahrung junger Ärzte. Ohne ausreichende Ausbildungstiefe lässt sich die Gatekeeping-Funktion kaum erfüllen. Eine Erhöhung der Studienabsolventenzahl bei begrenzter Infrastruktur birgt Risiken: Verdrängung, Qualitätsverlust und lange Übergangsphasen. Bevor weitere Maßnahmen ergriffen werden, muss klar sein, wie viele Ärzte das Gesundheitssystem benötigt und langfristig finanzieren kann. Die Politik sollte strategische Steuerung anstreben statt eine riskante Expansion.