Ryan Gosling navigiert mit einem Dackelblick durch eine interstellare Buddy-Dramedy. Einziger Lichtblick ist die Leistung von Sandra Hüller, die hier ihre Premiere auf der grossen Kinoleinwand feiert. Normalerweise zieht das Ende der Welt gewaltige Aufmerksamkeit auf sich – Meteore prasseln nieder, Eisberge brechen, Lava flutet aus Vulkanen und Wolkenkratzer stürzen ein. «Project Hail Mary» beginnt jedoch mit einer unauffälligen, aber tödlichen Bedrohung: Schwarze Teilchen namens Astrophagen verdunkeln die Sonne, was zu einem unabwendbaren Kälte-Tod auf der Erde führt. Ryland Grace (Ryan Gosling) erwacht aus einem künstlichen Koma mit erheblichen Gedächtnislücken. Wo befindet er sich und wer ist er? Schnell wird ihm klar: Er ist allein in einem Raumschiff, viele Lichtjahre von der Erde entfernt, seine beiden Kollegen sind tot. Nach und nach kehren die Erinnerungen zurück. Grace ist ein Molekularbiologe mit Doktortitel, dessen Theorien über die Bedingungen für das Leben jedoch in seiner Fachwelt auf wenig Gegenliebe stossen. Deshalb unterrichtet er an einer Highschool und bastelt Planetenmodelle, um den Schülern beizubringen, wie schnell das Licht reist. Eines Tages erscheint die mit allen politischen Vollmachten ausgestattete Frau Stratt (Sandra Hüller) in seinem Unterricht. Sie nimmt ihn mit und beauftragt Grace, die gefährlichen Astrophagen zu untersuchen. Nach einer unerwarteten Wende landet er schliesslich im Raumschiff «Hail Mary», das auf der Suche nach Rettungsmöglichkeiten für die Erde ist. Sandra Hüller meistert ihre erste Hauptrolle in einem Hollywood-Blockbuster mit Bravour. Ihre Charakterisierung von Frau Stratt ist dominant genug, um ernst genommen zu werden – und gleichzeitig aufrichtig besorgt um das Schicksal der Menschheit. Ryan Gosling hat es schwerer: Obwohl die Handlung so dramatisch ist, dass man ihm seine Rolle als Dr. Grace abnimmt, verwandelt sich «Project Hail Mary» bald von einer mit Choralmusik untermalten Klimaparabel zur Buddy-Komödie. Gosling muss oft den Dackelblick aufsetzen, um die technischen Herausforderungen zu meistern. Zum Glück ist der Weltretter nicht allein: Er begegnet einem ausserirdischen Wesen aus Stein mit Spinnenbeinen, das er «Rocky» nennt. Rocky muss ebenfalls seine Heimat retten und verfügt über besondere Ingenieursfähigkeiten. Die beiden bilden eine Art improvisierte Raumfahrt-WG. Trotz des Versuchs der Regisseure Phil Lord und Chris Miller, sich an Steven Spielberg zu orientieren, bleibt Rocky weit vom neuen E. T. entfernt – insbesondere wegen seines fehlenden Gesichts und der auf Albernheiten basierenden Kommunikation, die echte Emotionalität vermissen lässt. Das Thema des einsamen Astronauten, der wider Willen zum Helden wird, machte Andy Weir mit seinem Bestseller bekannt. Ridley Scott adaptierte das Buch 2015 als «The Martian», in dem Matt Damon auf dem Mars strandet – eine Geschichte über menschliche Überlebenskraft. Jedoch verfehlen sowohl das Buch als auch dessen Filmadaption den Ton: Beide sind umständlich und langatmig erzählt, konzentrieren sich zu sehr auf technische Details der Rettungsmission. Die Entwicklungen auf der Erde und wie politische Interessen in Frau Stratts Person vereint werden könnten, bleiben unberücksichtigt. Project Hail Mary ist aktuell im Kino (157 Minuten) zu sehen.