Mit einem Kopf, der einem gigantischen Schlund gleicht, und einem Liebesleben, das als skandalös gilt, sind Rädertierchen trotzdem unschätzbare Helfer für den Menschen. Die Kolumne «Wild und wundersam» beleuchtet ihre faszinierende Welt.
Nur einen halben Millimeter gross, bevölkern Rädertierchen feuchte Umgebungen wie Moos, Tümpel, Seen, Bäche, Bodenporen und sogar das Meer. Ihr Körper erinnert an die Form eines alten Fernrohrs, bestehend aus konischen Elementen, die ineinandergeschoben werden können, wobei der schmale Teil nach unten zeigt.
Der Kopf ist ein einziger riesiger Schlund mit einem Wimpernkranz, der einen Strudel erzeugt und alles in seiner Umgebung einsaugt. Einmal hineingeraten, stehen Bakterien und Algen vor einem furchteinflössenden Gebiss aus messerscharfen Lamellen, die sich im Halbsekundentakt bewegen – ein perfekter Fleischwolf.
Obwohl dieser Prozess für ihre Beute tödlich ist, profitieren wir Menschen von ihrer Nahrungsaufnahme. Der Wimpernkranz fängt nicht nur Mikroben, sondern auch andere Partikel auf und reinigt das Wasser biologisch. Bei Nahrungsmangel dienen die Wimpern als Aussenbordmotor zum schnellen Schwimmen in nahrungsreichere Gebiete.
Sobald ein neues Revier gefunden ist, verankern sie sich mit einer ausgeschiedenen Flüssigbeton-Substanz. Die Fortpflanzung erfolgt bei vielen Arten ungeschlechtlich, was zu identischen Nachkommen führt und Forscher über die Entstehung vieler Arten rätseln lässt.
Einige Forscher spekulieren sogar darüber, dass Rädertierchen Gene von Bakterien, Algen und Pilzen stehlen könnten, um ihr Erbgut zu bereichern – ein skandalöser Vorgang.
Atlant Bieri, Naturforscher und Autor, lebt in Pfäffikon (ZH).