Der Journalist Bojan Pancevski deckte in seinen Recherchen auf, wie Ukrainer die russisch-deutsche Pipeline Nord Stream im Herbst 2022 zerstörten. In einem Interview sprach er über seine Erkenntnisse und die heutige Situation der Beteiligten. Ursprünglich nur als Verschwörungstheorie abgetan, gibt es nun keine Zweifel mehr an der Verwicklung der Ukraine. Pancevski veröffentlichte seine Recherchen im “Wall Street Journal” und präsentierte sein Buch mit dem Titel “Die Nord-Stream-Sprengung: Die wahre Geschichte der Sabotage, die Europa erschütterte” bei einem NZZ-Besuch in Berlin.
Pancevski beschrieb, dass die Idee zur Sprengung von Nord Stream kurz nach Beginn des russischen Einmarsches im März 2022 entstand. Ziel war es, Russlands Finanzströme zu unterbrechen und Putin zu schwächen. Die geplante Sabotage ging auf eine Eliteeinheit innerhalb der ukrainischen Streitkräfte zurück. Trotz eines gescheiterten Versuchs, die Gaspipeline Turk Stream zu zerstören, sahen Beteiligte im Misserfolg einen Segen, da Reaktionen von Präsident Erdogan anders ausgefallen wären als die des deutschen Kanzlers Scholz.
Nach dem Anschlag wurde zunächst vermutet, dass Russland oder die USA involviert waren. Pancevski hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass Putin seine eigene Pipeline zerstört hätte. Die Amerikaner hatten von den Plänen der Ukraine gewusst und versuchten sie abzuschrecken. Dennoch forschten ukrainische Agenten bei CIA-Mitarbeitern nach Methoden zur Zerstörung solcher Pipelines.
Die komplex geplante Operation kostete schließlich rund 250.000 Dollar, was im Vergleich zu den 20 Milliarden Dollar Baukosten von Nord Stream gering ist. Die Besatzung des für die Aktion genutzten Segelbootes bestand aus sechs Personen: Ziviltaucher und Soldaten, die sich als russische Pipeline betrachteten.
Deutsche Ermittler konnten aufgrund detaillierter Blitzerfotos und Gesichtserkennungstechnologie die Tatverdächtigen identifizieren. Der Einsatz von Bootsverleihern zur Recherche führte schließlich zu sieben Haftbefehlen.
Pancevski betonte, dass deutsche Gründlichkeit letztlich den Ukrainern zum Verhängnis wurde, obwohl anfangs Zweifel bestanden hatten. Die Deutschen hatten trotz Warnungen ausländischer Dienste die Plausibilität der Vorwürfe angezweifelt.
Das Interesse in Deutschland war begrenzt, da das Thema politisch heikel ist. Pancevski hingegen konnte sein Buch innerhalb eines Tages verkaufen und betonte seine gründliche Recherche im “Wall Street Journal”.
Die Geschichte um Nord Stream ist noch nicht abgeschlossen: Ein Tatverdächtiger sitzt in Deutschland in Untersuchungshaft, während andere in Kiew sind oder gefallen sind. Die ukrainische Regierung könnte unter Druck geraten, wenn der Prozess gegen einen mutmaßlichen Täter beginnt. Selenski wusste frühzeitig von den Plänen und hatte versucht, die Aktion zu stoppen.
Das Thema bleibt brisant: Es ist unklar, ob weitere Enthüllungen folgen werden oder nicht.