Aschot, sechs Jahre alt und mit einem weissen Hemd bekleidet, steht auf dem karierten Boden des “Tigran-Petrosjan-Schachhauses” in Erewan. Er wartet geduldig, nachdem er die Schachfiguren noch selbst gehalten hat. Für den Jungen ist es nur eine von drei wöchentlichen Unterrichtsstunden, seit er mit drei Jahren das Spiel kennenlernte – eine weit verbreitete Praxis in Armenien.
In der armenischen Hauptstadt wird Schach dreimal pro Woche unterrichtet und im Land als Pflichtfach an allen Schulen verankert. Diese Initiative stammt aus dem Bestreben, das strategische Denken zu fördern, unterstützt von staatlichen Stellen wie dem nationalen Schachverband.
Die Kinder, darunter Aschot, verstehen noch nicht ganz, warum ihre Eltern und die Regierung so großen Wert auf Schach legen. Einige konzentrieren sich während der Unterrichtsstunden intensiv auf die Magnettafel vor ihnen, während andere einfach mit den Figuren spielen. Doch für viele Armenier ist klar: Schach fördert nicht nur abstraktes Denken, sondern auch Lebenskompetenzen.
Das “Schachhaus”, benannt nach dem großen armenischen Grossmeister Tigran Petrosjan, ist ein historischer Ort, der die Entwicklung des Spiels in Armenien widerspiegelt. Der 63-jährige Norair Kalantarjan, ehemaliger Spieler und Trainer, erinnert sich an eine Zeit, als Schach auch ein politisches Instrument war – ein Mittel, um während des Kalten Krieges die eigene Stärke zu demonstrieren.
Im großen Saal des Schachhauses herrscht konzentrierte Ruhe. Spieler tauschen nach abgeschlossenen Partien kaum ein Wort, doch für viele ist der Sieg eine persönliche Bestätigung und ein Zeichen von Stolz – besonders in einer Welt, die immer komplexer wird.
Schach hat laut Soziologin Kristine Tanaijan das Potenzial, Resilienz, Empathie und Konzentration zu fördern. Diesen Zusammenhängen widmet sich das 2011 gegründete Schach-Institut an der Pädagogischen Universität in Erewan.
Trotz Fortschritt bleibt Schach ein männlich dominiertes Spiel, wie sich auch in einer versteckten Bar mit dem Namen “Botschaft für alle Bürger der Welt” zeigt. Dort ist Knarik Danieljan die einzige Frau unter einem Haufen Männern. Stolz verteidigt sie ihre Position als Spielerin und als Armenierin.
Nach ihrer Rückkehr aus Russland, wo ihre Familie in den 90er Jahren emigriert war, engagiert sich Danieljan nicht nur im Schach, sondern auch politisch. Der Zusammenhang zwischen Krieg und Schach ist für sie persönlich spürbar, da ihr Verwandte aus dem umkämpften Gebiet Nagorni Karabach geflohen sind.
Obwohl einige Spieler Parallelen zwischen Schach und Krieg ziehen, betont ein 26-jähriger russischer Deserteur die rein strategische Dimension des Spiels. Für ihn bedeutet das Spiel eine Pause von der Realität: Am Ende kehren alle Figuren in ihre Ausgangsposition zurück.