In Bereichen wie Steuern, Altersvorsorge und Startup-Politik hat Schweden entscheidende Reformen vollzogen, über die in der Schweiz kaum nachgedacht wird. Lange Zeit galt das schwedische Modell des „Folkhem“, dem Volksheim, als Synonym für den skandinavischen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Mit umfassenden sozialen Leistungen und hohen Steuern ausgestattet, geriet Schweden in den 1990er Jahren jedoch in eine ernsthafte Krise. Seitdem hat es erfolgreich Reformen eingeführt, die auch für die Schweiz von Interesse sein könnten.
Ein zentrales Element dieser Reformen ist die Altersvorsorge. Schweden passte das Rentenalter an die steigende Lebenserwartung an: Für Jahrgänge 1960–1964 beträgt das Richtalters derzeit 67 Jahre, für nachfolgende Jahrgänge liegt es bei etwa 71 Jahren. Zudem ermöglicht ein schrittweiser Übergang in den Ruhestand mit Teilrentenanspruch eine Anreicherung des Rentenguthabens durch weiteres Arbeiten über das offizielle Rentenalter hinaus, was die Rente erhöht. Heute arbeitet mehr als 40 Prozent der Schweden noch nach Beginn ihrer Rente.
Die Schweiz tut sich schwer mit Anpassungen im Rentenalter und dessen Flexibilisierung. Auch in der Steuerpolitik kann Bern von den schwedischen Erfahrungen profitieren. Obwohl Schweden einst als stark sozialistisch wahrgenommen wurde, mit hohen Grenzsteuersätzen bis zu 85 Prozent bei der Einkommenssteuer, hat es radikalere Reformen durchgeführt. Vermögens- und Erbschaftssteuern wurden in den 2000er Jahren abgeschafft, um die Abwanderung von Wohlhabenden zu verhindern – ein Konsens, der von politischen Extremen getragen wurde.
Ebenfalls bemerkenswert ist Schwedens Entwicklung als Startup-Ökosystem, unterstützt durch eine starke Aktienkultur und spezialisierte Börsen wie die Nasdaq First North. Diese Plattform ermöglicht kleinere Unternehmen einen leichteren Zugang zu Kapital, da sie niedrigere Anforderungen an den Börsengang stellt. In der Schweiz existiert ein ähnliches Segment, die SIX Sparks, doch in Schweden gab es seit 2014 über 500 neue Listings im Vergleich zu nur 76 in der gesamten Schweiz.
Die Beispiele zeigen: Das stereotype Bild des schwedischen Wohlfahrtsstaats ist veraltet. Die Schweden haben sich vom früheren Volksheim entfernt und investieren nun vermehrt in eine „Volksbörse“ ihrer Zukunft. In der Schweiz hingegen scheint man sich im bestehenden Modell immer mehr einzurichten, während das Fundament des Erfolgsmodells vernachlässigt wird.
Trotz dieser Vernachlässigung baut die Schweiz weiterhin neue sozialpolitische Strukturen auf einer unsicheren Basis. Viele der bestehenden Systeme, wie etwa die Altersvorsorge, stehen bereits gefährlich schief. Ignoriert man dabei die fiskalischen Erfahrungen Schwedens, droht auch das helvetische Volksheim zu einem Sanierungsfall zu werden, sofern nicht rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Jürg Müller ist Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse.