Obwohl die Schweiz keine Kolonialmacht war, zeigt sich ihre Beteiligung an Kolonialismus und Sklavenhandel durch diverse Forschungsprojekte. Historiker Christof Dejung erläutert den Stand der nationalen Aufarbeitung dieser kolonialen Vergangenheit.
Als Professor für Neueste allgemeine Geschichte an der Uni Bern widmet sich Christof Dejung der Europäischen Geschichte von 1800 bis 1945, Globalgeschichte und Imperialismus. In einem Gespräch mit SRF News beschreibt er den Wandel im Umgang mit der Kolonialgeschichte: Bis vor etwa zwei Jahrzehnten war dieses Thema kaum beachtet worden, da die Schweiz keine eigenen Kolonien hatte. Heute gibt es zahlreiche universitäre Projekte und regionale Initiativen, wie in Baselland.
Die Verwicklung der Schweiz im Sklavenhandel lässt sich nicht einfach zusammenfassen. Bekannt sind Einzelbeispiele von Kaufleuten und Plantagenbesitzern mit Beziehungen zur Sklaverei. Diese Unternehmer betrieben riskante Geschäfte auf Plantagen in der Karibik oder Lateinamerika, wo versklavte Menschen Rohstoffe wie Baumwolle, Kaffee, Tabak und Zucker produzierten. Europäische sowie schweizerische Industriegüter wurden nach Afrika gebracht und dort gegen Sklaven getauscht – ein bedeutender Teil der europäischen Außenwirtschaft seit dem 16. und 17. Jahrhundert.
Die Frage von Entschädigungen für die Aufarbeitung des Sklavereivergangenheit ist umstritten. Dejung zeigt sich skeptisch, ob solche Zahlungen denjenigen wirklich zugutekommen würden, die sie nötig hätten, da unklar sei, wen man für ein Jahrhunderte altes Phänomen entschädigen könnte. Er betont vielmehr die Wichtigkeit der Sensibilisierung: Der Sklavenhandel war eng mit wissenschaftlichem Rassismus und rassistischen Ideologien verknüpft, die Menschen in Afrika als weniger wertvoll ansahen. Zudem müsse man erkennen, dass globaler Kapitalismus oft mit Gewalt oder Zwang verbunden ist.
Dejung schlägt vor, Strukturen und gesetzliche Regelungen zu etablieren, um Menschenrechtsverletzungen im Welthandel zu verhindern. Er hofft auf ein Umdenken hin zu Fair-Trade-Produkten als Lösungsansatz, wobei die Sensibilisierung für Arbeitsbedingungen in der Rohstoffproduktion weiterhin entscheidend ist.
Das Gespräch führte Christina Scheidegger. (Echo der Zeit, 02.04.2026, 18 Uhr; srf/lin/schm)