Eine kürzlich durchgeführte Studie zeigt, dass viele Rentner trotz der Angst vor Altersarmut finanziell gut abgesichert sind. Sie müssen ihre Ersparnisse nicht antasten und können ihr Vermögen sogar noch erhöhen. Dies hat laut einer fast 200-seitigen Untersuchung von Professor Marius Brülhart und weiteren Ökonomen aus Lausanne und Zürich zu tun, die auf der Analyse von Millionen Steuerdossiers basiert.
Anhand eines Beispiels wird deutlich: Eine Person aus dem Kanton Bern im Alter von 65 Jahren besass 2011 durchschnittlich ein Vermögen von rund 500.000 Franken. Über zehn Jahre hinweg stieg dieses um weitere 100.000 Franken an. Auch der Median, der die Mehrheit besser abbildet als der Durchschnitt, zeigt einen Anstieg: Hier wächst das Vermögen im Alter von 65 Jahren zunächst von 220.000 auf etwa 270.000 Franken.
Brülhart weist darauf hin, dass tatsächliche Vermögenswerte in den Steuerdaten oft zu niedrig ausgewiesen sind. Vor allem Immobilien seien häufig unterbewertet. Der Marktwert liegt laut seiner Analyse für Bern und Luzern durchschnittlich doppelt so hoch wie der steuerliche Wert. Dies liegt daran, dass viele Kantone die Preisanstiege bei Immobilienwerten nicht ausreichend berücksichtigen.
Ein weiterer Grund für das unterschätzte Rentnervermögen ist, dass viele Senioren bereits zu Lebzeiten Vermögen an ihre Nachkommen übertragen. Diese Schenkungen sind in der Studie allerdings nicht erfasst. Der Lausanner Professor betont: “Diese vorzeitigen Erbschaften können beträchtliche Summen umfassen, dennoch steigen die Durchschnittsvermögen weiter an.”
Ein Faktor ist auch die höhere Lebenserwartung reicher Menschen, wodurch der Anteil vermögender Senioren zunimmt. Diese Variable wurde jedoch in der Studie herausgerechnet.
Die Vermögenssteigerung bei Rentnern spiegelt einen allgemeinen Trend wider: Reichtum wächst schneller als Einkommen und Bruttoinlandprodukt (BIP). Der Anteil des reichsten 1 Prozent am steuerbaren Vermögen ist von 37 auf 45 Prozent gestiegen.
Erbschaften haben ebenfalls zugenommen. Jährlich werden nun rund 100 Milliarden Franken vererbt, das Dreifache im Vergleich zum Jahr 2000. Die Erben sind im Durchschnitt mittlerweile 60 Jahre alt und können oft auf die geerbten Mittel verzichten.
Ein interessantes Resultat der Studie ist, dass Erbschaften zu einer verringerten Arbeitsbeteiligung führen. Besonders bei den 55- bis 64-Jährigen veranlassen Erbschaften einige zum vorzeitigen Ruhestand. Dies könnte das BIP um bis zu 1,1 Prozent schmälern.
Einige Senioren befinden sich jedoch in einer finanziellen Zwangslage: Sie sind “asset rich but cash poor” – sie haben viel Vermögen, aber geringe laufende Einnahmen. Ein größerer Anteil des Besitzes ist gebunden, wie etwa in Immobilien.
Die steuerliche Verschiebung zugunsten von Kapital gegenüber Arbeit führt zu Debatten über die AHV-Finanzierung. Derzeit wird eine Erhöhung der Lohnabzüge diskutiert, um die 13. Rentenerhöhung zu finanzieren.
Denkfabriken wie Avenir Suisse fordern eine Verfassungsbremse für Lohnbeiträge ähnlich der Mehrwertsteuer. Nur bei Erreichen eines doppelten Mehrs sollte eine Anhebung möglich sein, um die Belastung für Arbeitnehmer zu begrenzen.
Angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels ist es wichtig, dass Steuern den wirtschaftlichen Wachstumsanreiz nicht schwächen. Die politische Einflussnahme von Rentnern könnte jedoch genau das Gegenteil bewirken.