In Agglomerationen entstehen häufig unscheinbare und unauffällige Siedlungsbereiche – trotz der Beteiligung umfangreicher Fachteams. Ein möglicher Lösungsansatz besteht darin, einen zentralen Autor oder eine Autorin für die Stadtplanung zu ernennen. Die zeitgenössische Stadtentwicklung scheint oft zum Schicksal der Anonymität verurteilt: Häufig erfolgt keine gezielte Planung; stattdessen werden Bauvorschriften übernommen. Wird doch ein Planungsprozess initiiert, kommt es nicht zu einer Bestellung eines einzelnen Stadtplaners, sondern gleich mehrerer Fachleute wie Architekten und Soziologen zum Einsatz. Diese arbeiten dann entweder parallel oder nacheinander – was oft zu Konflikten führt. Die daraus resultierenden Planungen überlagern sich, verlieren an Klarheit und geraten in zahlreiche Bearbeitungs- und Prüfschleifen durch verschiedene Gremien. Am Ende solcher langwierigen Prozesse steht oft ein Ergebnis, das keiner der Beteiligten vollständig verantwortet. Diese Problematik ist nicht nur in Agglomerationsgebieten sichtbar, sondern auch in vielen modernen Stadterweiterungen. Auch im Bereich des Städtebaus gilt die Weisheit vom Kamel als Ergebnis eines Komitees, das eigentlich ein Pferd erschaffen wollte. Ein neues Stadtquartier erfordert zwar die Mitwirkung mehrerer Fachleute, doch sollte eine einzelne Person den Gesamtplan konzipieren und verantworten: Eine Stadt braucht einen Autor oder eine Autorin. Es ist unbestritten, dass das Programm für ein städtisches Projekt politisch definiert werden muss – dies erfordert eine lebhafte Debatte zwischen allen Stakeholdern. Diese Diskussion sollte jedoch vor der eigentlichen Planung stattfinden. Ebenso offensichtlich ist, dass die Komplexität einer Aufgabe in der Stadtplanung nur interdisziplinär bewältigt werden kann. Die verschiedenen Fachbereiche müssen jedoch unter einem konsistenten Projekt zusammengeführt werden. Schöne Ergebnisse entstehen letztendlich nur, wenn man jemandem vertraut, der dazu fähig ist. Eine Planung wird erst dann wirklich interessant, wenn sie von einem kompetenten und talentierten Städtebauer entworfen wurde – mit Freiheit im kreativen Prozess. Dies gilt für historische Beispiele wie das antike Milet oder modernere wie Amsterdam-Süd. Diese historischen Beispiele zeigen die Kraft einer klaren planerischen Handschrift, wie auch in der Schweiz zu sehen ist: sei es in Bern oder dem Freidorf von Hannes Meyer. Wenn Zürich Gottfried Semper mehr Vertrauen entgegengebracht hätte, wäre das Kratzquartier am See wohl ansprechender. Heutzutage gibt es jedoch kein omnipotentes Subjekt in der Stadtplanung; die Mittel sind beschränkt und die Akteure oft zerstritten. Die Ansprüche an den urbanen Raum – von Baudichte bis hin zu ökologischen Ausgleichsflächen – setzen den Stadtboden unter enormen Druck. Es wird notwendig, dass jemand mit Mut und einer Prise Leichtfertigkeit all diese Anforderungen aufnimmt und reflektiert. Dies bedeutet nicht die Forderung nach individueller künstlerischer Stadtgestaltung; im Gegenteil. Ein Missverständnis der Gegenwart ist die Annahme, dass jede Neuschöpfung erzwungen werden muss. Erfolgreiche städtische Planungsansätze waren oft einfache geometrische Rastersysteme. Die Forderung nach Autorschaft bedeutet nicht technokratische Autokratie; vielmehr ist der Städtebauer verantwortlich, sein Projekt der Öffentlichkeit vorzustellen und zu erklären. Die Entscheidungen des Planers müssen rational nachvollziehbar sein. Die moderne Stadtplanung sollte Freiräume schaffen und Unvorhergesehenes zulassen. Persönliche Leidenschaft im Planungsprozess kann eine fruchtbare Begegnung mit der historischen Struktur ermöglichen. Eine Stadt, deren Plan aus überlappenden Excel-Tabellen entstanden ist, mag zwar funktionsfähig sein, bietet aber wenig Inspiration. Architekt Vittorio Magnago Lampugnani war von 1994 bis 2016 Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich und hat mehrere Quartiere entworfen, darunter den Novartis-Campus in Basel und das Richti-Quartier in Wallisellen.