In den renommierten Museen weltweit ist Susan Hefunas Kunst präsent. In der Schweiz wird ihr aktuelles Schaffen nun im Bündner Kunstmuseum in Chur gezeigt.
Der Raum ist gefüllt mit Türmen, die bis zur Decke reichen und an beeindruckende Wolkenkratzer oder die monumentalen Betonkonstruktionen Anselm Kiefers erinnern. Doch diese Türme sind weder aus Stein noch massiv. Sie ähneln eher riesigen Vogelkäfigen, gefertigt von Handwerkern in Ägypten aus dünnen Palmholzstäben und feinen Schnüren. In der Regel werden solche Strukturen als Behältnisse für den Transport von Gemüse, Obst oder Geflügel zum Markt genutzt. Hier jedoch transformieren sie sich im grossen Stil zu Skulpturen, Architekturelementen und dreidimensionalen Zeichnungen, in denen Licht und Schatten interagieren.
Das Dazwischen – der Übergang zwischen innen und aussen, vom Fragilen zum Festen, von Klarheit zur Mehrdeutigkeit – hat Hefuna zu ihrem zentralen Thema gemacht. Ihre persönliche Erfahrung als Kind einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters, das stets dieselbe war, aber je nach Land unterschiedlich wahrgenommen wurde, prägte diesen Fokus. Sie verdeutlicht die transkulturellen Verbindungen in vielen ihrer Werke.
Nach einem Umzug von New York nach Chur 2023 faszinierte sie der Baumwollhandel, den Ambrosius von Planta aus der Schweiz nach Ägypten trieb. Dies inspirierte ihre Serie «Crossroads». In Videos dieser Reihe richtet die Künstlerin die Kamera auf Kreuzungen und dokumentiert vorbeigehende Passanten – Orte, an denen sich Wege kreuzen und Entscheidungen getroffen werden.
Eine neue Arbeit entstand direkt vorm Café Maron in Chur. Sie bezieht sich auf Zuckerbäcker aus der Schweiz, die weltweit tätig waren. In Kairo gründeten Tessiner das Café Groppi, einst zentraler Treffpunkt für die Kulturszene, wo sie Schlagsahne einführen und Nusstorten in die Schweiz bringen. Die neue Filmarbeit «Crossroads Chur» zeigt Hefuna selbst in einer Performance. In einem Kostüm mit Schriftbändern lädt sie ein, auf Wind, Wasser und Erde zu achten – eine Aufforderung zur Selbstreflexion.
In Workshops und Aktionen verbindet sie die nordafrikanische und westliche Welt und stellt dar, dass das Aussprechen des Wortes «Ich» vielen Kairoer*innen fremd ist. Hefuna zeigt Offenheit gegenüber dem Fremden und den Wunsch nach Vermittlung, was in der heutigen Zeit von großer Bedeutung ist. Museen wie das Pompidou besitzen bereits Werkgruppen ihrer Arbeiten. In der Schweiz sind wir dankbar für die Initiative des Bündner Kunstmuseumsdirektors Stephan Kunz, der Hefuna frühzeitig gewinnen konnte. Ihre Ausstellung lädt dazu ein, fremde Kulturen in unser Leben zu integrieren und ihre Wahrnehmung der Welt zu erkunden.
★★★★★ Susan Hefuna, Bündner Kunstmuseum, Chur, bis 26.7.