In mehreren EU-Ländern sieht sich eine Mehrheit nun stärker von den USA als von China bedroht – ein alarmierender Trend. Wie hat es dazu kommen können? Diese Frage stellt sich in Zeiten, in denen Transatlantiker an Boden verlieren. Sie hielten lange fest an der Vorstellung einer starken Bindung zu den USA, die Europa über Jahrzehnte hinweg von einem stabilen Weltfrieden profitieren liess und deren Präsidenten als Anführer der freien Welt galten – angefangen bei John F. Kennedy mit seinem berühmten «Ich bin ein Berliner», Ronald Reagans Aufforderung an Gorbatschow, die Mauer niederzureissen, bis hin zum Friedensnobelpreisträger Barack Obama.
Auch blinder Antiamerikanismus kann das Verdienst der USA bei der Schaffung einer liberalen Weltordnung nicht negieren. Dennoch zeigt eine jüngste Umfrage des Magazins «Politico», dass in einigen großen EU-Staaten die USA zunehmend als grössere Gefahr für Europa betrachtet werden als China – ein grundlegender Wandel.
Eine Erinnerung bleibt: Im Kosovo der Jahrtausendwende, nachdem die Nato den Abzug serbischer Truppen erzwungen hatte, waren Swisscoy-Soldaten stationiert. Sie berichteten begeistert von einem Vorfall, bei dem serbische Milizen einen Hilfskonvoi blockierten und amerikanische Kräfte mit Waffengewalt drohten – ein Vorgehen, das nicht der Idee von Friedensförderung entsprach, aber effektiv war. Europäische Eskorten waren weniger erfolgreich: «Wären in Srebrenica US-Soldaten statt niederländischer Blauhelme stationiert gewesen, hätte es dort keinen Völkermord gegeben», war die verbreitete Ansicht.
Zweifelsohne hat die USA seit 1945 auch Fehltritte begangen. Dennoch haben sie durch ihre militärische Macht und Förderung des Welthandels insgesamt Stabilität und Wohlstand geschaffen, von dem Generationen profitierten.
Die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten und die Dreistigkeit seines Vizepräsidenten stehen im Kontrast zum bislang rational-strategischen Denken der USA. Das erschwert es, eine kohärente Strategie in deren Kampf gegen das iranische Regime zu erkennen. Zudem sind die Beziehungen zu den NATO-Partnern stark belastet. Aus europäischer Perspektive ist besonders das Verhalten von J. D. Vance ein Affront: Seine Rede in München, eine ungewöhnliche Reise nach Grönland und der Besuch bei Viktor Orban, dem er für die EU-Sabotage Beifall spendete, sind ein Schlag ins Gesicht der transatlantischen Freundschaft.
Vance, Autor von «Hillbilly-Elegie», verkörpert wie kaum jemand sonst den Niedergang dessen, wofür Amerika bisher bewundert wurde. Seine demonstrative Konversion zur katholischen Kirche verdeckt einen opportunistischen Nihilismus, der alles dem Machterhalt unterordnet und ihn möglicherweise 2028 zum Präsidenten machen soll.
«Verzweifeln Sie nicht an unseren aktuellen Schwierigkeiten, sondern glauben Sie immer an das Versprechen und die Grösse von Amerika», schrieb der republikanische Senator John McCain kurz vor seinem Tod. Er hatte wohl recht – auch wenn es momentan schwerfällt, ihm zu folgen.