Die Finanzmärkte feiern weiter, als wäre der Krieg vorbei. Doch zerstörte Lieferketten und gesteigerter Inflationsdruck bleiben bestehen. Die Erwartung einer schnellen Rückkehr zur Normalität ist trügerisch.
Der Aktienmarkt erscheint bisweilen wie ein eigenständiges Universum, abgekoppelt von den Entwicklungen auf dem Globus. Diese Wahrnehmung verstärkte sich auch in den letzten Wochen: Seit Ende März kennen die Kurse fast nur eine Richtung – steil nach oben. Obwohl die Lage im Nahen Osten angespannt blieb und die für den Energietransport kritische Meerenge von Hormuz erst am Freitag temporär wieder geöffnet wurde, erreichten die amerikanischen Börsen diese Woche neue Rekordhochs. An der Wall Street herrscht Euphorie, als ob der Konflikt bereits beendet wäre.
Diese Zuversicht lässt viele verwundert zurück. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass sich die Kriegsparteien annähern könnten. Doch selbst bei einem sofortigen Friedensvertrag würde die Weltwirtschaft nicht unverzüglich in den Zustand vor dem Konflikt zurückkehren. So sind wichtige Energieinfrastrukturen zerstört worden. Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), sagte gegenüber der NZZ, dass es rund zwei Jahre dauern könnte, bis die Ölproduktion in den Golfstaaten das Vorkriegsniveau erreicht.
Eine schnelle Rückkehr zur Normalität ist Wunschdenken. Auch der durch gestiegene Erdölpreise und unterbrochene Lieferketten ausgelöste Inflationsdruck wird nicht rasch nachlassen. Weltweit haben Haushalte und Unternehmen ihre Inflationserwartungen angehoben. Zentralbanken wollen den Fehler von 2022 vermeiden, als sie die Inflationswelle lange unterschätzten. Bei anhaltend hoher Teuerung könnten sie diesmal früher intervenieren und die Geldpolitik straffen, was schlecht für die Börse ist.
Diese beiden Konfliktfolgen – gestörte Energieinfrastruktur und höhere Inflationsraten – werden am Markt weitgehend ignoriert. Viele Investoren scheinen aus einem Albtraum aufzuwachen und können das Traumatische vergessen. Doch so einfach ist es nicht: Selbst wenn der Iran-Konflikt bald enden sollte, hat er tiefe Spuren in der Weltwirtschaft hinterlassen. Und viele dieser Folgen, wie höhere Lebensmittelpreise durch fehlende Düngemittel aus den Golfstaaten, sind noch gar nicht sichtbar.
Trotzdem boomt die Börse, beeinflusst von Ereignissen im April 2025. Damals hatte Präsident Donald Trump kurz nach Ankündigung massiver Zölle deren vorübergehende Aussetzung bekanntgegeben. Daraufhin folgte eine schnelle Rallye an den Märkten. Seitdem setzen Investoren darauf, dass Trump zurückrudert, wenn der wirtschaftliche Druck zu hoch wird. Um diese Rallye nicht zu verpassen, kaufen Anleger bei jedem Hinweis auf Entspannung Aktien.
Es scheint sich wieder zu bewahrheiten, dass geopolitische Krisen nur kurzfristige und begrenzte Auswirkungen auf globale Finanzmärkte haben, vor allem in Industrieländern. Auf dieses Muster hat der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngsten Bericht hingewiesen. Der IWF warnt jedoch, dass die geringe Reaktion nicht bedeutet, dass die Verletzlichkeit klein sei. „Vielmehr könnte es darauf hindeuten, dass negative Szenarien noch nicht vollständig eingepreist sind.“
Ob diese Skepsis des Währungsfonds berechtigt ist, bleibt offen. Fakt ist jedoch, dass an der amerikanischen Börse wieder exzessive Bewegungen zu beobachten sind. So kündigte die seit Jahren erfolglose Schuhfirma Allbirds überraschend an, sich von Schuhen abzuwenden und auf künstliche Intelligenz (AI) unter dem neuen Namen Newbird AI zu setzen. Allein diese Ankündigung und das modische AI-Label reichten aus, um den Aktienkurs auf das Siebenfache steigen zu lassen – eine Logik, die einer anderen Welt entstammt.