Für viele Jahre verbrachte er sein Leben undercover: Fausto Cattaneo, bekannt unter dem Decknamen «Tato», war einer von wenigen Schweizer Detektiven, die tief in die Strukturen des internationalen Drogenhandels eindrangen. Eine neue Dokumentation der italienischsprachigen Radiosendung und Fernsehstation RSI beleuchtet sein außergewöhnliches Leben, gestützt auf Archivmaterial sowie Gespräche mit seiner Ehefrau Isabel und früheren Kollegen.
Cattaneo startete in den 1970er Jahren seine Karriere im Drogendezernat Locarnos, beeinflusst durch eine heftige Heroinwelle. “Jährlich gab es Dutzende Tote junger Menschen von 18 oder 20 Jahren, die mit einer Spritze im Arm endeten”, so seine Aussage in der Dokumentation. Die Festnahmen kleiner Händler reichten ihm nicht – er wollte die verborgenen Strukturen des Handels aufdecken.
Um an die Spitzen der Organisationen heranzukommen, erschuf sich Cattaneo zahlreiche Deckidentitäten. “Ich gab mich als Anwalt, Finanzberater oder Vermittler aus – und änderte stets meinen Namen”, erinnert er sich.
So gelang es ihm, in Gruppen einzudringen, die für europäische Behörden schwer zugänglich waren: der türkischen Mafia, kolumbianischen Kartellen sowie dem Netzwerk des Bolivianers Roberto Suárez.
1987 nahm Cattaneo an einer Operation teil, bei der in Bellinzona 100 Kilogramm Heroin beschlagnahmt wurden – gemeinsam mit der US-Drogenfahndungsbehörde DEA.
Sein damaliger Partner Sam Meale beschreibt ihn als geborenen Undercover-Ermittler: “Er konnte jeder Person werden und du hättest ihm geglaubt.”
Das Leben im Untergrund forderte seinen Tribut. “Manchmal fragst du dich, wer du bist – Kommissar oder Krimineller?”, sagt Cattaneo.
Seine Deckung geriet während der Operation Mato Grosso 1992 ins Wanken: In Brasilien wurde er des Korruptions- und Alkoholmissbrauchs beschuldigt – Vorwürfe, die er bestreitet. Dennoch wurde er in die Schweiz zurückbeordert, seine Tarnung auffliegend. “Die Kolumbianer setzten 250’000 Dollar auf meinen Kopf aus.”, berichtet er.
Es folgten Jahre voller Angst und Isolation. “Ich habe zwei Jahre des Schreckens erlebt”, beschreibt Cattaneo, der von seiner Umgebung als Dealer oder Geldwäscher gesehen wurde. Seine Frau Isabel erinnert sich an eine düstere Zeit: “Er schlief fast ununterbrochen und stand nur kurz auf, um zu kochen.”
2015 – nach mehr als zehn Jahren juristischer Auseinandersetzungen – sprach das Strafgericht Bellinzona Cattaneo frei. Er habe an der Grenze zur Legalität gehandelt, diese aber nicht überschritten.
Fausto Cattaneo verstarb 2019 im Alter von 75 Jahren. Seine Überzeugung hat er weitergegeben: seine Tochter trat in seine Fußstapfen.
RSI, “Storie”, 29.3.2026, 20:40 Uhr;weds