In einer Welt voller Dauerkrisen wie Krieg, Inflation und technologischen Herausforderungen scheint Verletzlichkeit zunehmend überholt. Doch Barbara Schmitz und Giovanni Maio argumentieren, dass gerade diese Verwundbarkeit Nähe, Solidarität und wahre Stärke ermöglicht. Ohne das Bewusstsein unserer geteilten Verletzlichkeit droht moralische Gleichgültigkeit.
Maio beschreibt Verletzlichkeit als eine Phase der Entwicklung, die Sensibilität und Vertrauen fördert. Schmitz sieht sie als einen unverzichtbaren Bestandteil des Menschseins an. Beide Autoren kritisieren das Ideal eines autarken Menschen und betonen stattdessen die verbindende Kraft der Verletzlichkeit sowie den Bedarf nach Fürsorge.
In der Medizin sollte Verletzlichkeit laut Maio zu einer Kultur der Sorge führen, anstatt technischen Lösungen Vorrang einzuräumen. Krisen wie die Corona-Pandemie haben uns gezeigt, dass Stabilität nicht selbstverständlich ist und Akzeptanz unserer Verwundbarkeit Allmachtsfantasien entgegenwirkt.
Schmitz und Maio lehnen es ab, Verletzlichkeit als Ursache für soziale Probleme zu sehen. Vielmehr plädieren sie für geschützte Räume, in denen Verletzlichkeit gelebt werden kann, sowie für Kulturen der Sorge. Verletzlichkeit wird dabei als moralischer Aufruf zur Verantwortung und Integration marginalisierter Gruppen betrachtet.
Schmitz hinterfragt den Begriff “Resilienz”, da dieser auf eine Anpassung an Widrigkeiten verweise. Sie fragt, ob diese Anpassung wirklich immer positiv sei. Zärtlichkeit schlägt sie als Antwort vor – nicht nur physisch, sondern als ethische Haltung der Rücksichtnahme in allen Lebensbereichen.
Maio sieht Trost und Gemeinschaftsgefühl in dem Bewusstsein unserer Verwundbarkeit, was Mut macht, für eine bessere Welt mit gemeinsamen Werten einzutreten. In ihrer Sendung bei SRF 1, Sternstunde Philosophie vom 12.4.2026, haben sie diese Gedanken vertieft.