Finanzinstitute warnen bereits vor einem globalen Anstieg der Teuerung oder sogar Risiken einer Stagflation. Die Rohstoffmärkte könnten weiter volatil bleiben.
Der Krieg in Nahost verschlimmert die angespannte Weltwirtschaftslage. Der Ölpreis ist innerhalb weniger Wochen um rund 40 Prozent gestiegen, und die Internationale Energieagentur (IEA) warnt vor einer historischen Rohstoffkrise. Die Blockade der Straße von Hormuz beeinträchtigt Öl- und Gaslieferungen stark, was die Inflation erhöht und das Wachstum verlangsamt.
S&P Global sieht sogar ein Risiko für Stagflation – eine Kombination aus steigenden Verbraucherpreisen und stagnierendem Wirtschaftswachstum. Eine Umfrage bei europäischen Unternehmen zeigt den größten Kostenanstieg seit Jahren, hauptsächlich durch gestiegene Energiepreise und unterbrochene Lieferketten. Der Einkaufsmanagerindex von S&P verzeichnete ebenfalls Verzögerungen in der Industrie.
Die Blockade der Meerenge, die rund ein Fünftel des weltweiten Erdöl- und Erdgasangebots transportiert, ist nicht das einzige Problem. In der Golfregion wurden mindestens 40 Anlagen in neun Ländern beschädigt, wie die IEA berichtet. Katar könnte drei bis fünf Jahre benötigen, um seine LNG-Produktion wieder auf Vor-Kriegsniveau zu bringen.
Nach Beendigung der Gefechte werden Erdöl-, Erdgas- und daraus abgeleitete Produktpreise nur langsam sinken. Schwerfälliger Schiffsverkehr verschärft die Lage, da Tanker erst am richtigen Ort verfügbar sein müssen, um zu beladen und über mehrere Wochen zu transitsieren.
Barclays geht davon aus, dass ein durchschnittlicher Rohölpreis von etwa 100 Dollar pro Fass das Weltwirtschaftswachstum im laufenden Jahr um 0,2 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent drücken könnte. Die Inflation könnte bis Ende 2026 um 0,7 Prozentpunkte steigen und bei 2,9 Prozent liegen.
Goldman Sachs revidiert seine Prognosen: In der Euro-Zone könnte die Inflation im Jahr 2026 auf bis zu 2,9 Prozent ansteigen statt auf die erwarteten 2,0 Prozent. Ähnlich wird für die USA erwartet. Die Schweiz profitiere von der Aufwertung des Schweizerfrankens als Fluchtwährung.
Die Entlastungsmaßnahmen durch Regierungen könnten kaum makroökonomische Wunder bewirken. Aus den strategischen Reserven der IEA-Mitgliedstaaten könnte nur verzögert und in kleinen Mengen Erdöl auf den Markt gelangen. Russisches und iranisches Öl, das straffrei gehandelt werden kann, erreicht ebenfalls nur langsam die Märkte.
Staatliche Hilfen aus Italien, Frankreich oder Deutschland sind gefordert, doch fiskalische Spielräume fehlen oft. Im schlimmsten Fall könnten Eingriffe die Inflation weiter antreiben.
Vor dem Angriff auf den Iran litten viele Industrieländer wirtschaftlich: Die USA, Großbritannien, Frankreich und Italien sind hoch verschuldet, während in Deutschland die Industrie schwächelt. Übermäßige Kreditvergabe durch Schattenbanken schürt Befürchtungen über einen Marktcrash.
Der Erdölpreis liegt derzeit unter den Werten von 2022, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die damaligen Preissteigerungen bleiben in Erinnerung: Die Europäische Zentralbank und das Federal Reserve Board reagierten zu spät, wobei die Teuerung zeitweise über 9 Prozent jährlich stieg.
Aktuell ist die Lage anders: Arbeitsmarkt-Dynamik fehlt, geldpolitische Rahmenbedingungen waren vor dem Krieg nicht besonders locker. Zentralbanken reagieren diesmal mit Alarmbereitschaft. Die britische Zentralbank legte Lockerungspläne auf Eis, in der Euro-Zone ist die Haltung restriktiv und Australien erhöhte bereits den Leitzins.
In den USA steigen Anlegerrenditen auf Staatsanleihen, was erwartet, dass das Fed nicht zu lax bleibt – auch wenn Donald Trump eine Zinssenkung fordert.