Kurz vor dem Gipfel des 8051 Meter hohen Broad Peaks in Pakistan entdeckte der Bergsteiger Lukas Wörle im Juli 2023 einen völlig erschöpften und zurückgelassenen Höhenträger. Ohne zu zögern entschied sich Wörle, trotz seines Alleingangs in der tödlichen Todeszone, dem Mann zu helfen.
Er erkannte die lebensbedrohliche Situation des Trägers: Erfrorene Finger und Anzeichen der Höhenkrankheit ließen keinen Zweifel daran, dass sofortiges Handeln notwendig war. Wörle kontaktierte sein Lager per Funk, um Hilfe zu organisieren, während er die schockierende Erkenntnis gewann, dass der Träger absichtlich zurückgelassen wurde.
Für Lukas Wörle stand fest: In den entlegenen Regionen des Himalayas, fernab jeglicher Rettungsmöglichkeiten, ist Solidarität unter Bergsteigern unerlässlich. Doch das Zurücklassen von Ghulam Murtaza Sadpara hatte ihn tief getroffen und seine Vorstellung von Gemeinschaftshilfe erschüttert.
Sein Traum war es stets gewesen, als Sechsjähriger inspiriert durch die Erzählungen seines Vaters über nepalesische Expeditionen, selbst einen Achttausender zu besteigen und mit dem Gleitschirm hinabzufliegen. Dieser Traum führte ihn schließlich 2023 nach Pakistan.
Nach sechs Stunden alleiniger Kletterei teilten sich Wörle und sein Partner Horia wegen einer Pause, bevor sie die letzten 250 Höhenmeter zum Gipfel anstiegen. Als er das GPS-Display auf über 8000 Meter springen sah, musste er seine eigenen Ambitionen zurückstellen, um den in Not geratenen Träger zu retten.
Wörle zog und schleppte Sadpara sieben Stunden lang durch die unwirtliche Landschaft. Als das Seil des Trägers knapp wurde, rutschte es aus Wörles Handschuhen, und er befürchtete den Tod seines Begleiters. Doch gegen alle Erwartungen überlebte Ghulam Murtaza Sadpara.
Ein Amerikaner kam ihnen zu Hilfe und half, Sadpara ins Camp 3 auf rund 7000 Metern zu bringen. Die folgende medizinische Versorgung in verschiedenen Krankenhäusern wurde durch gesammeltes Spenden ermöglicht, wobei Sadpara sechs Finger verlor.
Für seine heldenhafte Tat erhielt Wörle Anerkennungen wie den Verdienstorden der Islamischen Republik Pakistan und die Auszeichnung als Sportpersönlichkeit des Jahres in Tirol. Er betonte jedoch, dass jeder Bergsteiger sich vor einer Expedition bewusst machen muss, dass man auf sich allein gestellt ist.
Kurz nach der Rettung erschütterte ein Video vom K2 Lukas Wörle: 70 Menschen sahen zu, wie ein verunglückter Sherpa um Hilfe bat und starb. Obwohl er zunächst davon ausging, dass das Zurücklassen eines hilflosen Bergsteigers eine Ausnahme war, fragt sich Wörle weiterhin über die Gründe nach.
Eine Woche später kehrte Wörle auf den Broad Peak zurück und versuchte erneut den Gipfel zu erreichen. Er musste jedoch umdrehen und nutzte die Gelegenheit für einen Gleitschirmflug von 7000 Metern, wodurch er seine Frage über Flüge in großen Höhen beantwortete.
Wörle plant weitere Expeditionen in Pakistan, mit dem Gedanken im Hinterkopf, eines Tages vom Gipfel des Broad Peak zu fliegen. Seine Freundschaft zu Sadpara, der mittlerweile ein Freund geworden ist, wird er sicherlich aufsuchen.