Die komplexe und manchmal unbequeme weibliche Figur verschwindet aus der zeitgenössischen Literatur. Stattdessen dominieren pseudofeministische Wellnessromane das Genre, so Sara Rukaj. Überall trifft man auf Frauenfiguren, die alles richtig machen: Die passende Sprache sprechen, an den richtigen Stellen Empörung zeigen und den perfekten Kurzhaar-Pony tragen. Ihre Aufmüpfigkeit wirkt inszeniert, ihr Widerspruch sozial akzeptabel. Trotzdem hinterlässt das Gefühl einer Leere. Diese Figuren erscheinen wie aus einem Katalog gesellschaftlicher Erwartungen herausgeschnitten und widerspruchsfrei. Dieses Bild zieht sich durch viele zeitgenössische feministische Werke, von Sally Rooney bis zu Verena Stefan und Hera Lind. Die Frauenfiguren sind entweder gut, leiden gewissenhaft oder reflektieren sich ins Leere. Überschreiten sie die Grenze zum Bösen, geschieht dies nur gegenüber Männern als Form der ethischen Vergeltung, was zu Literatur ohne Risiko führt. Caroline Wahl etwa schreibt: «Es gibt in vielen Arbeitsbereichen doofe Chefs. Vor allem männliche.» Ihre Darstellung von Chefs als «männlich», resultiert aus negativen Begegnungen mit Macht. Dies erfordert keine tiefergehende Analyse der Verhältnisse, da ihre Ressentiments schwer zu widerlegen sind. Es ist bemerkenswert, dass trotz jahrzehntelanger feministischer Bewusstseinsarbeit Frauen oft in der Opferrolle verharren. Ist das Patriarchat besonders listig, oder trauen sich die Menschen nicht zuzugestehen, dass Frauen selbstständig handeln können? Sally Rooney, eine internationale Bestseller-Autorin, verkörpert diese Tendenz mit ihren Werken, die mehr Selbstbestätigung als Weltkenntnis bieten. Ihre Romane zeichnen sich durch Liebeskitsch und sinnliche Beschreibungen aus, ohne echte Tiefe zu erreichen. Das Feuilleton lobt Rooneys Bücher für einen angeblichen soziologischen Scharfsinn, obwohl sie nur das Leben einer gesättigten Generation literarisch abbilden. Die Texte vermitteln eine beruhigende Haltung: Der gute Mensch leidet ohne Schuld und landet schließlich im affirmativen Selbstzufriedenheit. Das Erfolgsrezept dieser Werke liegt in der Haltung ohne Konsequenz, Kritik ohne Erkenntnisgewinn. Caroline Wahl reduziert das weibliche Jugenddasein auf den Kampf gegen den «alten weissen Mann» im Büro. Früher waren es die unbequemen, widersprüchlichen Frauenfiguren wie Patricia Highsmiths Protagonistinnen, die zum Denken anregten. Diese sind weder handelnd noch fliehend und bleiben in alltäglicher Ungleichheit gefangen. Highsmith selbst betonte 1979, dass sie als Frau alles erreichen könne. Elfriede Jelineks Figuren sprechen eine selbstzerstörerische Sprache. Sie sind sowohl Opfer als auch Täterinnen. In «Die Klavierspielerin» verweigert sie Frauen jegliche moralische Höhe, ohne Männer zu verschonen. Ihr Humor und ihre Radikalität machen die Lektüre erträglich. Leïla Slimani zeigt in ihren Werken, wie wenig mütterliche Liebe oder sozialer Aufstieg taugen, wenn man den Abgrund ignoriert. Sie plädiert dafür, «den inneren Engel» zu töten und Macht einzufordern. Im Vergleich zu Jelinek, Highsmith und Slimani erscheinen Rooney und Wahl als artig und politisch korrekt. Diese Austreibung der komplexeren Frauenfiguren aus der Literatur ist nicht nur ästhetisch bedenklich, sondern auch begrifflich reinigend.