Von romantischen Idealen bis hin zum Nationalsozialismus: eine Redewendung, die tief in der Geschichte verwurzelt ist. Der Aufruf, Haltung einzunehmen oder zu zeigen, wird intuitiv verstanden – doch versucht man, diese Begriffe in andere Sprachen zu übersetzen, offenbart sich ihre komplexe und kulturell spezifische Bedeutung. Das französische «attitude» oder seine romanischen Äquivalente fehlen der positive Wertebetonung von «Haltung», während «contenance» eher momentane Reaktionen als dauerhafte Verhaltensweisen beschreibt.
Im britischen und amerikanischen Englisch hat sich «attitude» sogar zu einem kritischen Hinweis auf Engstirnigkeit gewandelt. Nur das Wort «Haltung» scheint einen moralischen Anspruch innerhalb des europäischen Sprachfelds zu implizieren, was die Frage nach einer nationalen Neigung aufwirft, bestimmten Lebensformen kollektive Verbindlichkeit zu verleihen.
Ein Blick in die Bedeutungsgeschichte der «Haltung», wie sie im «Deutschen Wörterbuch» von 1852 dokumentiert ist, zeigt ihre Entwicklung. Die Brüder Grimm heben hervor, dass «Haltung» oft als Verweilen in einem Zustand oder einer geistigen Richtung verstanden wird, was in der Regel eine Überwindung widriger Umstände erfordert. Diese Beobachtung stützen sie mit Zitaten von Autoren wie E.T.A. Hoffmann und Goethe, die neben dem «Verweilen» auch Haltung als Verdienst und ästhetische Dimension hervorheben.
Diese Bedeutungsaspekte wurzeln in der deutschen Romantik, die Traditionen gegenüber den Verwirrungen ihrer Zeit bevorzugte. Nach 1871 griff der erste deutsche Staat zur Selbstinszenierung auf mittelalterliche Traditionen zurück und suchte nach Haltungen aus der Ständegesellschaft.
Philosophisch wurde «Haltung» relevant, als romantische Vermittlungsformen im Ersten Weltkrieg zerfielen. In den zwanziger Jahren führte die Suche nach zeitlosen Lebensformen zu Ideologien und neuen Denkschulen wie dem Existenzialismus und der Kulturanthropologie.
Karl Jaspers lehnte Haltung als verengenden Begriff ab, während Rothacker und Gehlen ihr in der kulturanthropologischen Tradition eine zentrale Rolle zuschrieben. Die Affinität zwischen dem nationalsozialistischen Weltbild und dem Konzept von «Haltung» wurde durch den Beitritt prominenter Philosophen zur NSDAP verstärkt, die «Haltung» als zentral in ihren Werken betonten.
Trotz des massiven Gebrauchs während der Nazi-Zeit wurde «Haltung» nie zu einem offiziellen NS-Diskursmerkmal. Nach 1945 verblasste das historische Bild von «Haltung», und heute ist es kaum noch als problematisch anzusehen, da individuelle Verhaltenspluralität vorherrscht.
Hans Ulrich Gumbrecht ist emeritierter Professor an der Stanford University und der Hebrew University of Jerusalem.