Nach den Anschlägen am 11. September 2001 musste eine Bewertung vorgenommen werden, wie hoch der ökonomische Wert eines verlorenen Lebens einzuschätzen ist. Diese Aufgabe erscheint unmöglich, ist jedoch in den USA durch ein festgelegtes Verfahren möglich: Zunächst wird das potenzielle Berufslebenseinkommen berechnet und dann noch der Schmerz- und Leidenswert hinzugefügt. Dieses kapitalistisch anmutende System, bei dem ein Börsenmakler mehr entschädigt wird als ein Polizist, basiert auf den Prinzipien des amerikanischen Rechtssystems.
Als “Special Master” des 9/11-Fonds musste man mit den Angehörigen der Opfer verhandeln. So wurde erklärt, warum ein Feuerwehrmann weniger Entschädigung erhielt als eine Bankerin, was bei vielen auf Unmut stieß. Trotzdem entschieden sich 97 Prozent der Betroffenen für die Teilnahme am Fonds anstelle von Gerichtsverfahren, da dieses Programm schneller und effizienter war.
Nach den Anschlägen wurden insgesamt über 7 Milliarden Dollar ausgezahlt. Der Erfolg des 9/11-Fonds liegt in seiner Schnelligkeit begründet: In 33 Monaten erhielten alle Anspruchsberechtigten ihre Entschädigung.
Nun plant die Schweiz nach dem Brand in Crans-Montana einen runden Tisch, um außergerichtliche Entschädigungen für die Opfer auszuhandeln. Der Kern der Diskussion dreht sich dabei um den Ursprung und Umfang des verfügbaren Geldes sowie darum, wer als anspruchsberechtigt gilt.
Während im Fall von 9/11 ausschließlich Steuergelder verwendet wurden, griffen andere Programme auf private Mittel zurück. Die Herausforderung für die Schweiz liegt in der Entscheidung, ob alle Leben gleich viel wert sein sollen oder wirtschaftliche Verhältnisse berücksichtigt werden müssen.
Eine entscheidende Überlegung ist auch, wie großzügig das Angebot ausfallen muss, um eine breite Akzeptanz zu gewährleisten. Erfahrungen zeigen jedoch, dass solche Programme oft aufgrund von Kostenbeschränkungen nicht sehr hoch ausfallen dürfen.
In der Schweiz könnte die Gerichtsentscheidung schneller erfolgen als in den USA, was das Interesse an außergerichtlichen Lösungen mindern könnte. Um Erfolg zu haben, müsste die Initiative schnell und effizient umgesetzt werden.
Der Vergleich mit anderen internationalen Fällen zeigt, dass der durchschnittliche Betrag für Todesopfer bei 2 Millionen Dollar lag, während Verletzten im Schnitt 400.000 Dollar gezahlt wurden. Diese Summen waren steuerfrei und mussten dennoch an die individuellen Umstände angepasst werden.
Der Schlüssel zum Erfolg solcher Programme liegt in der Transparenz und Effizienz, um das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen und ihnen eine schnelle Entschädigung zu ermöglichen. Die Möglichkeit zur persönlichen Ansprache wurde als ein entscheidender Faktor angesehen, der viele dazu bewegte, sich den Programmen anzuschließen.
Im Kern bleibt die Frage offen: Wie kann man in solch tragischen Situationen Gerechtigkeit schaffen? Es geht weniger um eine gerechte Entschädigung, sondern eher um Barmherzigkeit und Anerkennung des Leids.