Von einem Wunderkind zur internationalen Geigenelite hat sich die Amerikanerin Hilary Hahn entwickelt. Trotzdem wirkte ihr Auftritt beim Tonhalle-Orchester Zürich etwas kühl und rätselhaft. Die meisten Konzertbesucher waren wohl wegen der prominenten Solistin gekommen, doch sie mussten zunächst die Streichersinfonie von Arthur Honegger erdulden und in der frühen Pause Erinnerungen oder Vorfreude austauschen.
Schließlich betritt Hilary Hahn im bordeauxroten Kleid die Bühne und spielt Prokofjews 1. Violinkonzert, begleitet vom Tonhalle-Orchester unter Paavo Järvi. Ursprünglich für das Konzert von Schostakowitsch vorgesehen, ist es ein anspruchsvolles Stück, das dem Soloinstrument nicht immer die Hauptrolle überlässt und wenig eingängig ist.
Mit Ernsthaftigkeit und höchster Konzentration meistert Hilary Hahn die Herausforderung. Das träumerische Hauptthema präsentiert sie mit perfekter Intonation und flüssigem Tempo, lässt sich jedoch emotional nicht so weit einbringen wie andere Interpreten. Dieses zurückhaltende Auftreten zieht sich durch ihren gesamten Auftritt.
Die heute 46-jährige Geigerin stand schon seit vierzig Jahren auf den Bühnen und galt als Wunderkind, gab bereits mit zehn Jahren ein abendfüllendes Konzert. Mit zwölf debütierte sie beim Baltimore Symphony Orchestra unter David Zinman, der sie später nach Zürich einlud.
Ein Coup gelang ihr im Alter von 17 mit ihrem ersten Album, das Bach-Interpretationen enthält und auf dem Cover einen selbstbewussten Teenager zeigt. Aus dem Wunderkind ist eine reife Künstlerin geworden, die die Herausforderung gemeistert hat, sich nach Ablauf des Wunderkindsstatus eine «normale» Karriere aufzubauen.
Ihre Erfahrung und Gestaltungssicherheit zeigen sich im technisch anspruchsvollen zweiten Satz des Prokofjew-Konzerts. Mit verblüffenden Verfremdungseffekten wie bewusstem Kratzen oder Sägen bei der Tonerzeugung verleiht sie dem Scherzo einen spukhaften Charakter. Im dritten Satz spielt das Orchester eine wichtige Rolle im Kontrast zum Solopart.
Järvi gelingt es meisterhaft, die unterschiedlichen musikalischen Stränge zu trennen und gelegentlich zusammenzuführen. Hahns Spiel beeindruckt durch makellose Technik, doch ihr fehlt der Mut zum Risiko und die Bereitschaft, an emotionalen Grenzen zu gehen. Ihr kontrolliertes Spiel lässt sie rätselhaft wirken – ein Eindruck, der auch bei der Zugabe, dem Largo aus Bachs 3. Solosonate, nicht schwindet.
Abschließend setzt das Tonhalle-Orchester seinen Mahler-Zyklus mit dessen 10. Sinfonie fort. Anders als Riccardo Chailly am vergangenen Sommerfestival in Luzern beschränkt sich Järvi auf den ersten Satz, eine gängige Lösung, die jedoch nur ein Viertel der Musik umfasst. Mehr Mut hätte auch hier nicht geschadet.