Mit 31 Jahren hat Corinne Suter nochmals Fortschritte gemacht, obwohl sie diese im vergangenen Winter wegen einer Verletzung lange nicht zeigen konnte. Erst nach den Olympischen Spielen gelang es ihr, ihre Leistung wieder zu steigern. Es sind bereits 15 Jahre vergangen, seit sie erstmals im Ski-Weltcup gestartet ist – eine beachtliche Zeit im Spitzensport. Wenn Suter spricht, wirkt sie jedoch wie eine der jüngeren Athletinnen: Sie zeigt große Lust am Ausprobieren und Verbessern sowie reine Freude am Skifahren. “Wenn ich in Chile im Trainingslager auf dem Berg stehe, kommen mir fast die Tränen”, sagt sie. “Weil es so schön ist, das zu machen, was ich so gerne tue.” Obwohl ihre Freude am Skifahren nicht immer mit ihren Rennresultaten korreliert – sie jagt sicherlich keine zehnten Plätze: Die Athletin aus dem Kanton Schwyz ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Kristallkugel-Gewinnerin. Dennoch benötigt auch sie Bestätigung und Erfolgserlebnisse, um ihren Ehrgeiz zu befriedigen. Ohne ihre riesige Freude wäre ein schwieriges Jahr wie das vergangene wahrscheinlich zermürbend gewesen.
Nach der wohl besten Vorbereitung ihrer Karriere verletzte sich Suter kurz vor dem ersten Rennen und begann einen Wettlauf gegen die Zeit bis zu den Olympischen Spielen. Sie schaffte es nach Cortina d’Ampezzo, erreichte aber mit Rängen Neun, Elf und Vierzehn nicht das ersehnte Medaillenrennen. In manchen Kurven und Sprüngen fehlten ihr Sicherheit und Überzeugung; zudem versuchte sie, die Schmerzen auszublenden. Doch kurz vor dem Saisonende gelingt es ihr dennoch zu triumphieren: Ende Februar gewinnt Suter ihr sechstes Weltcup-Rennen und erreicht die Podestplätze 27 bis 29. Nun will sie am Saisonfinale in Lillehammer überzeugen. Für die Verteidigung ihres Olympiaabfahrt-Titels hätte der Knoten zwei Wochen früher platzen müssen.
Fragt man sich, ob Suter sich zu sehr unter Druck gesetzt hat, weil Olympische Spiele unbedingt klappen mussten? Schon bei den Weltmeisterschaften 2023 in Méribel war sie nach einer erstaunlich schnellen Genesung von einer Gehirnerschütterung zur Abfahrt angetreten und aufs Podest gefahren. In Cortina hätte die Comeback-Geschichte noch spektakulärer werden können, am Ort ihres größten Erfolgs: 2021 war sie als erste Schweizerin seit 32 Jahren Abfahrtsweltmeisterin geworden.
Suter sagt, den Druck habe sie nicht so stark empfunden. Olympia hatte sie als großes Ziel im Hinterkopf, doch lange wusste sie nicht einmal, ob sie rechtzeitig teilnehmen würde. “Als ich dann am Start stand, wusste ich: Ich habe alles gemacht, was zu diesem Zeitpunkt möglich war. Mehr konnte ich nicht trainieren oder arbeiten.” Diese Lektion hatte Suter in den ersten Jahren ihrer Karriere gelernt: Man kann mit Wille und Biss allein nichts erzwingen. Gerade in den Speed-Disziplinen braucht es eine gewisse Lockerheit.
Betrachtet man ihre gesamte Karriere, stellt das Weltmeisterschaftsjahr 2019 einen Wendepunkt dar: Überraschend gewann sie dort zwei Medaillen. In dieser Saison wartete sie lange auf den Moment, in dem es klick macht. In Cortina sagte sie, der Moment könne morgen oder erst in zwei Wochen eintreten. “Wenn ich nur wüsste, wie ich den Schalter umlegen kann.” Zwei Wochen später stand sie nach der Abfahrt in Andorra ganz oben auf dem Treppchen.
Weshalb passierte das dann? Der entscheidende Punkt sei ein Trainingslager dazwischen gewesen, sagt Suter am Telefon. “Diese Tage haben mir sehr viel gegeben. Dort konnte ich meine fehlenden Trainingskilometer aufarbeiten.” Nach ihrem Comeback Anfang Januar blieb neben den Rennen wenig Zeit für Training.
Nun aber wuchs das Vertrauen mit jeder Fahrt, und Schmerzen plagten sie keine mehr. In Andorra fühlte sie sich wieder so verbunden mit ihren Skiern wie morgens beim Einfahren, wenn ihr klar war, dass es ein guter Tag wird. “Das passiert meistens in den ersten paar Schwüngen, wenn ich im Hier und Jetzt bin und die Ski genauso steuern kann, wie ich will.” Nach eigener Einschätzung gelingt ihr das mit 31 Jahren besser als je zuvor. In der vergangenen Saisonvorbereitung habe sie große Fortschritte erzielt. Für Suter ist eine Athletin erst dann eine Spitzenskifahrerin, wenn sie konstant schnell bleibt – nicht nur auf ein oder zwei Pisten, sondern in ganz unterschiedlichem Gelände. In diese Vielseitigkeit hat das Team investiert. “Wir versuchten, auf möglichst verschiedenen Pisten zu fahren, mit Übergängen, Wellen und unterschiedlichen Kurssetzungen.” Nicht zuletzt deswegen findet Suter es positiv, wenn alle paar Jahre das Trainerteam wechselt, um neue Inputs zu bekommen.
Letzte Saison brachte solche nicht nur der neue Abfahrtstrainer Stefan Abplanalp, sondern auch der neue Konditionstrainer. Dieser gestaltete das Warm-up anders und brachte eine neue Trainingsphilosophie mit, die mehr auf Schnellkraft setzt. Suter bleibt neugierig: “Ich mag es, wenn jemand neue Variationen einbringt, damit das Training spassig bleibt. Am Ende ist die Vielseitigste die Beste. Es braucht so viele Komponenten, um im Skifahren gut zu sein.” Im letzten Trainingslager vor der Saison in St. Moritz erkannte das Trainerteam, wie sehr die neuen Impulse Suter vorangebracht hatten. Sie schwärmten von ihren Fahrten und mit ihren Zeiten hielt sie mit Lindsey Vonn mit, die danach die ersten Speed-Rennen der Saison dominierte. Doch genau in diesem Camp verletzte sich Suter am Fuß. In den ersten Tagen plagte sie Schmerz, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Sie stürzte vom Hoch der Vorbereitung in ein Tief und haderte kurz – für sie ein Zeichen, wie viel ihr der Skisport immer noch bedeutet.
Von einem baldigen Karriereende will Suter jedenfalls nichts wissen. Auch wenn die Heim-WM im nächsten Februar in Crans-Montana für manchen Schweizer oder Schweizerin ihrer starken Generation ein Schlusspunkt sein könnte. “Ich will immer noch weiterkommen.”