Die Schweiz steht vor einer kritischen Wahl: Wird der Status quo beibehalten, drohen erhebliche Risiken für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität. Eine umfangreiche Studie des Energiekonzerns Axpo beleuchtet zwei Szenarien zur Schließung einer bevorstehenden Stromlücke im Winter.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien stockt, das EU-Stromabkommen bleibt kontrovers, und die Ablehnung fossiler Reservekraftwerke steigt. Gleichzeitig nimmt der Bedarf an Stromimporten zu, besonders nach dem geplanten Abschalten des Atomkraftwerks Beznau. Die Abhängigkeit von Importen erreichte im letzten Winter fast den Höhepunkt des Krisenwinters 2022/23.
Die Studie zeigt auf, dass bei unveränderten Rahmenbedingungen erhebliche Stromengpässe drohen, mit gravierenden Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Im Winter fehlt es der Schweiz an heimischer Stromproduktion, da die Nachfrage steigt und Solarenergie sowie Wasserkraft hauptsächlich im Sommer zur Verfügung stehen. Der Ausstieg aus der Kernenergie führt dazu, dass bis zu 40 Prozent der Winterstromproduktion wegfallen.
Die Forschergruppe um Axpo, unterstützt durch Experten von ETH Zürich und dem Paul-Scherrer-Institut, identifiziert Windkraft, Kernenergie, Gas und Solar als potenzielle Lösungen zur Steigerung der inländischen Stromproduktion im Winter. Wasserkraft wird aufgrund begrenzter Ausbaufähigkeiten nur eine untergeordnete Rolle zugeschrieben.
Besonders positiv bewertet die Studie den Einsatz von Windkraft, die rund zwei Drittel ihrer Produktion in den Wintermonaten liefert und kostengünstiger ist als andere Technologien. Allerdings sind die Bewilligungsverfahren für Windprojekte zeitaufwändig und dauern oft mehr als zehn Jahre, selbst mit beschleunigten Verfahren bleibt eine schnelle Umsetzung fraglich.
Die Axpo kritisiert den Fokus auf Dach-Photovoltaik. Solaranlagen sind zwar schnell umzusetzen, ihr Beitrag im Winter ist jedoch gering: nur 8 Prozent der Jahresproduktion zwischen Dezember und Februar. Die Studie warnt vor der finanziellen Belastung durch versteckte Subventionen von Solaranlagen, die Netzentgelte umgehen.
Solarstrom erfordert laut Studie eine staatliche Unterstützung von 35 Rappen pro Kilowattstunde, während Kernenergie nur 8 Rappen benötigt. Am wenigsten Förderbedarf besteht bei Gas (2 Rp./kWh) und Windkraft (6 Rp./kWh).
Als Lösung schlägt Axpo vor, Solar- und Windkraft mit zentralen Gaskraftwerken zu kombinieren. Diese sind flexibel einsetzbar und günstiger als reine Reserveanlagen. Allerdings fehlt in der Schweiz noch ein regulatorischer Rahmen für solche marktaktiven Anlagen.
Ein weiteres Szenario ist der Verbleib im Atomenergiebereich, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und Importabhängigkeiten zu reduzieren. Während das Betreiben bestehender Kernkraftwerke wirtschaftlich vorteilhaft erscheint, sind neue AKW-Projekte mit hohen Kosten verbunden. Laut Axpo könnten Bauzeiten bis 2050 realisierbar sein, sofern politische und finanzielle Rahmenbedingungen stimmen.
Die NZZ wird am Dienstag, den 14. April 2026, eine Live-Veranstaltung zum Thema “Energie der Zukunft: Zwischen Versorgungssicherheit und Klimazielen” abhalten, um über diese Herausforderungen zu diskutieren.