Die Schweizer Wettbewerbskommission steht vor einer möglichen Umgestaltung ihrer Arbeit, da immer mehr Unternehmen automatische Systeme zur Preisfestlegung einsetzen. Dies könnte zu Verzerrungen im Marktgeschehen führen und die Konsumenten beeinträchtigen.
Das Bündner Baukartell ist einer der größten Wirtschaftsskandale in der jüngeren Schweizer Geschichte. Über Jahre hinweg koordinierten sich Baufirmen bei Aufträgen, was zur Verhängung von Millionenbussen durch die Weko führte. Die Frage stellt sich nun: Was geschieht, wenn künftig Algorithmen Kartelle bilden?
Im neusten Jahresbericht der Weko wird beleuchtet, wie künstliche Intelligenz den Wettbewerb beeinflussen kann. Positiv ist zu vermerken, dass kleinere Firmen durch Automatisierung ihre Kosten senken und die Produktivität erhöhen können: «Dies begünstigt schlankere Geschäftsmodelle und erleichtert den Markteintritt kleinerer Unternehmen», so der Bericht. Auch Konsumenten könnten profitieren, etwa indem sie effizient über Chatbots günstige Produkte finden.
Negative Aspekte liegen in Preisalgorithmen, die Preise selbstständig festlegen und somit das Konzept von «Meeting of the Codes» anstelle von «Meeting of the Minds» (Treffen der Algorithmen statt der Köpfe) einführen. Die Weko überwacht bereits den Einsatz solcher Algorithmen bei Galaxus, ohne jedoch Verstöße festgestellt zu haben.
Seit August 2025 gibt Galaxus auf seiner Website Einblick in die Funktionsweise seines Algorithmus. Dieser berücksichtigt externe und interne Daten wie Konkurrenzangebote, Währungsschwankungen sowie Versand- und Lagerungskosten. Trotz Millionen von täglich veränderten Preisen überwacht ein Team bei ungewöhnlichen Preissteigerungen.
Die Weko beobachtet die Entwicklung der Preisalgorithmen international, so Yavuz Karagök, Leiter Empirie der Weko. Die Ressourcen für eine eigene AI-Abteilung fehlen jedoch; es besteht jedoch Kooperation mit europäischen Partnern wie der niederländischen Wettbewerbsbehörde, die über vierzig Datenspezialisten beschäftigt.
Besonders problematisch sei laut Karagök, wenn mehrere Unternehmen dieselben Algorithmen und Daten nutzen. Dies könnte zu parallelen Preisentwicklungen führen. Die Weko empfiehlt bei der Anwendung von Preisalgorithmen Vorsicht und die Nutzung unternehmenseigener Daten.
Andreas Heinemann, Wirtschafts- und Kartellrechtsexperte an der Universität Zürich, sieht das Risiko, dass mehrere Firmen denselben Dienstleister für Preissysteme nutzen. Dies könnte zu marktverzerrenden Preisstrategien führen, ähnlich wie bei Realpage in den USA oder im litauischen Reisebürosektor mit E-Turas.
Ein vollständig autonomer Einsatz von Algorithmen zur Preisgestaltung wäre ein noch nicht weltweit beobachtetes Szenario. Die Weko hat jedoch bereits durch maschinelles Lernen ein Tool entwickelt, um Kartelle zu erkennen und aufzudecken – eine Entwicklung, die international Anerkennung findet.