Persönliches Engagement gegen die Erderwärmung wird von manchen belächelt, obwohl es oft der Ausgangspunkt für bedeutende gesellschaftliche Veränderungen ist. In jüngster Zeit hat sich eine Sichtweise verbreitet, die das Reduzieren des eigenen CO2-Ausstosses als sinnlos betrachtet. Kritiker argumentieren, dass individuelle Bemühungen gegen den Klimawandel wirkungslos seien und lediglich ein gutes Gewissen verschaffen würden.
Dieser Standpunkt hat einen gewissen Reiz, da die Bekämpfung der Erderwärmung tatsächlich eine globale Reduktion von Treibhausgasen erfordert. Allerdings wäre es unzutreffend zu schlussfolgern, dass Einzelaktionen wirkungslos seien. Solche Aktionen sind oft der Anfang von tiefergehenden gesellschaftlichen Veränderungen.
Das individuelle «Loswursteln» ist trotz seiner chaotischen Natur unerlässlich. Persönliches Engagement wird zwar häufig kritisiert und belächelt, doch es hat tatsächlich direkte Auswirkungen auf die CO2-Emissionen. Noch wichtiger ist jedoch, dass es das Verhalten anderer beeinflusst, innovative Produkte vorantreibt, neue Märkte schafft und politische Veränderungen ermöglicht.
Dafür ist keine von oben verordnete Koordination nötig. Über soziale Beeinflussung und Marktimpulse entstehen spontan neue Strukturen. Was der Einzelne tut, wirkt in sein Umfeld – und letztlich auf die gesamte Gesellschaft – ein. Wenn genügend Menschen etwas für das Klima tun, normalisiert dies klimafreundlicheren Konsum. Manchmal reicht es aus, wenn eine Person erzählt, wie sie mit dem Zug statt mit dem Flugzeug in den Urlaub geflogen ist.
Durch solche Formen sozialer Beeinflussung hat sich in der Schweiz und anderen Ländern ein bedeutender Wandel vollzogen. Heute entscheiden sich viele für die Bahn statt fürs Flugzeug oder essen häufig vegetarisch – Verhaltensweisen, die vor zwanzig Jahren als umständlich galten.
Das individuelle Handeln verändert zunehmend auch die Wirtschaft. Die Nachfrage nach klimafreundlichen Angeboten hat Innovationen wie Wärmepumpen, Fleischersatzprodukte und Elektroautos vorangetrieben. Dies erhöht den Anteil der Unternehmen, die umweltfreundlich wirtschaften. In der Schweiz geben laut einer KOF-Konjunkturumfrage 2025 rund 60 Prozent der Unternehmen an, in CO2-Reduktion zu investieren.
Diese beiden Formen des «Loswurstelns» erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines effektiven Emissionsreduktionssystems – zunächst national und schließlich international. Die Normalisierung von klimafreundlichem Konsum führt dazu, dass Menschen entsprechende gesetzliche Anreize befürworten. Eine Umfrage der GfS Zürich im November 2025 zeigt, dass sich nun 65 Prozent der Schweizer Bevölkerung für eine Flugticketabgabe aussprechen.
Gleichzeitig verringert sich der Widerstand aus der Wirtschaft gegen solche Maßnahmen, wenn viele Unternehmen ihre CO2-Emissionen bereits reduzieren. Das scheinbare «Loswursteln» ist in Wirklichkeit ein zentraler Mechanismus für gesellschaftliche Transformation – auch hin zu einer klimafreundlicheren Wirtschaft. Es treibt den allmählichen Wandel des politischen Denkens und der Kaufgewohnheiten an. Man könnte fragen: Woher sonst sollte in einer demokratischen Marktwirtschaft der Impuls für eine solche Transformation kommen? Emilio Marti, Associate Professor für unternehmerische Nachhaltigkeit an der Erasmus-Universität Rotterdam, lebt mit seiner Familie in Aarau.