Die Neuorientierung des italienischen Rüstungskonzerns Leonardo durch Roberto Cingolani, der das Unternehmen an die Börse führte, scheint paradoxerweise seine Entlassung zu beschleunigen. Dies illustriert ein Merkmal des italienischen Staatskapitalismus: wirtschaftlicher Erfolg garantiert keinen Bestand im Amt für Spitzenmanager. Roberto Cingolani, seit April 2023 Vorstandschef von Leonardo, steht trotz der positiven Bilanz vor dem Aus. Unter seiner Leitung hat sich die Leonardo-Aktie um beeindruckende 410 Prozent erhöht, während der europäische Branchenindex lediglich um 155 Prozent zulegte. Trotz dieser Erfolge plant Premierministerin Giorgia Meloni, Cingolanis Position bei der nächsten Verwaltungsratserneuerung zu verändern. Diese Ankündigung sorgte für Unruhe an den Finanzmärkten; die Aktie fiel zunächst um 8 Prozent, erholte sich jedoch teilweise. Analysten reagierten stark auf die bevorstehende Führungsveränderung. Die Mailänder Bank Equita kommentierte dies als «Überraschung», während der Investor Guy Wyser-Pratte von politischer Einmischung in ein gut geführtes Unternehmen sprach. Cingolanis Erfolge sind bemerkenswert: Mit einem Umsatzanstieg auf 19,5 Milliarden Euro und einer Gewinnsteigerung um 85 Prozent seit seinem Amtsantritt hat er die Verschuldung reduziert und einen neuen Geschäftsplan bis 2030 mit Aufträgen im Wert von 142 Milliarden Euro aufgestellt. Er transformiert Leonardo in eine Technologie- und Sicherheitsfirma, indem er Bereiche wie Cyberabwehr, künstliche Intelligenz und Digitalisierung ausbaut. Zudem fördert Cingolani die europäische Verteidigungsgemeinschaft und neue Allianzen innerhalb der fragmentierten Rüstungsindustrie. Kooperationen mit Airbus, Thales sowie Rheinmetall für Panzerproduktion sind Beispiele seiner Strategie. Eine Partnerschaft mit dem türkischen Hersteller Baykar zur Drohnenproduktion unterstreicht seine innovative Führung ebenso wie das präsentierte Luftverteidigungsprojekt «Michelangelo Dome», welches die Abhängigkeit Europas von den USA reduzieren soll. Trotz dieser Erfolge steht Cingolanis Entlassung im Raum, wobei deren genaue Gründe Spekulation bleiben. Es wird angenommen, dass ein persönlicher Konflikt mit Meloni besteht, die Wert auf politische Zuverlässigkeit legt. Kritiker werfen ihm vor, traditionelle Waffensysteme zugunsten zukünftiger Technologien zu vernachlässigen und eine proeuropäische Politik zu verfolgen, was im nationalkonservativen Lager Missfallen erregt. Nach der Niederlage bei einem Justizreferendum sieht Meloni die Neubesetzung von Schlüsselpositionen als Möglichkeit, ihre Machtbasis zu festigen.